Pferde anreiten

Autorin: Kerstin Diacont mit Bobby 

Pferde selbst anreiten – wo liegen die Vorteile?
Ein Fohlen selbst zu ziehen und seinen Lebens- und Ausbildungsweg von Anfang an zu kennen und (positiv) beeinflussen zu können - das ist der Traum vieler Reiter. Oder auch, sich ein ungerittenes Pferd zu kaufen, vorhandene »Macken« des Pferdes nicht auf sein Vorleben schieben zu müssen (oder zu dürfen?), sondern selbst die Verantwortung für eine schonende und pferdegerechte Ausbildung zu übernehmen - mit dem Ziel, eine körperliche und psychische Überlastung durch zu schnelles und zu frühes Training zu vermeiden und einen zuverlässigen Partner heranzubilden.

Denn - machen wir uns nichts vor - gute professionelle Pferdetrainer sind teuer und selten und auch der beste kann für ein einzelnes Pferd nicht so viel Zeit erübrigen wie der eigene Besitzer. Ein junges Pferd »im Schnelldurchlauf« für nur zwei oder drei Monate zum Anreiten zu geben und dann zu erwarten, dass es »fertig ausgebildet« zurückkommt ist Illusion. Sinnvoller und Pferde schonender ist es, sich mit den nötigen Fähigkeiten und dem nötigen Wissen zu versorgen und die Ausbildung - langsam und geduldig - selbst in die Hand zu nehmen. Dabei macht es überhaupt nichts, wenn man sich im ersten halben Jahr z.B. nicht zutraut, sein Pferd zu galoppieren. Das Pferd zeigt Ihnen schon, wann es zu einem - von Ihnen kontrollierbaren - Galopp bereit ist.


Keine Fachidioten
Ein weiterer Vorteil der Selfmade-Ausbildung ist die Möglichkeit, einer umfassenden Allround-Schulung des Pferdes, die seine spätere Verwendung noch nicht hundertprozentig festlegt. Die Heranbildung von vierbeinigen »Fachidioten« kann so vermieden werden. Einem Dressur- oder Reiningpferd schaden keinesfalls kleine Gymnastiksprünge. Im Gegenteil, sie machen die Grundausbildung abwechslungsreich. Das künftige Spring- oder Geländepferd kann seine Koordination mit Trail- und Geschicklichkeitsübungen deutlich verbessern. Und die Zusammenarbeit zwischen Reiter und Pferd wird umso besser, je vielschichtiger die Grundausbildung ist. In diesem Sinne kann man die Angebote seines Pferdes annehmen, ohne sich frühzeitig einzuengen.
 

Methodenvielfalt ohne Verwirrung
Wer möchte, nutzt beim Anreiten und bei der Basisausbildung also die Vorteile verschiedener Reitweisen, von denen jede andere Ausbildungsmöglichkeiten und -schwerpunkte bereithält. Die Westernreitweise legt z.B. auf eine leichte und sichere Kontrolle des Pferdes ganz besonderen Wert, während die Dressurausbildung die Entwicklung der Gänge und später die  Versammlung fördert. Für sicheres, kontrolliertes und Pferde schonendes Reiten ist jedoch beides gleichermaßen wichtig und schließt sich nicht gegenseitig aus.

Als Selfmade-Ausbilder kann man verschiedene Methoden »grenzübergreifend« mischen und damit sein Pferd zu einem echten Allrounder machen. Beschränkungen gibt es dabei nur insofern, wie das Pferd nicht durch widersprüchliche Kommandos verwirrt werden darf. Es gilt in jeder Reitweise und auch bei der Bodenarbeit: Jede Aktion wird durch ein und nur ein Kommando bzw. durch eine bestimmte Hilfenkombination »besetzt«.
 

Voraussetzungen für erfolgreiches Anreiten
Voraussetzungen dafür, einem jungen Pferd überhaupt etwas Sinnvolles und Nützliches beizubringen sind Sensibilität, Selbstkontrolle, Balance und Erfahrung des Reiters. Er muss sich erstens in die Psyche des jungen Pferdes einfühlen können. Zweitens muss er etwas von Anatomie von Pferd und Reiter verstehen und Reiter und Pferd als einen geschlossenen »Energiekreis« in Bewegung begreifen, bei dem jede Aktion von Pferd oder Reiter an beliebiger Stelle Auswirkungen auf das gesamte System »Reiter+Pferd« hat.

Vielen Reitern ist nicht klar, wie schnell sie ein junges (und nicht nur ein junges) Pferd aus dem Gleichgewicht bringen können, wenn ihnen selbst Stabilität und Gleichgewicht im Sitz fehlen. Drittens muss er sich mit »Bewegungslehre« auskennen. Unter dem Begriff Bewegungslehre möchte ich alle jene Gebiete zusammenfassen, die sich mit Harmonie, Gleichgewicht, Kondition, Koordination und Körpergefühl befassen. Das Verständnis von »Bewegung« sollte sich sowohl auf die Bewegungen des Pferdes als auch auf die eigenen als Reiter beziehen – und natürlich auf das Zusammenspiel dieser beiden Bewegungsabläufe in einer gemeinsamen Bewegung, bei der sich die zwei Partner (Mensch und Pferd) nicht gegenseitig behindern dürfen.
 

Körperbewusstsein und Emotionskontrolle
Sowohl bei vorbereitender Boden- und Longenarbeit als auch beim späteren Reiten sind das eigene Körperbewusstsein und die Beweglichkeit des Reiters ebenso wichtig wie die Kontrolle seiner Emotionen (Angst, Zorn etc.). Eine realistische Einschätzung der Psyche und der körperlichen Möglichkeiten des Pferdes rundet die Fähigkeitspalette des künftigen Ausbilders ab. Körperliche Schwächen sowohl des Reiters als auch des Pferdes sind dabei besser auszugleichen als emotionale Schwächen - z.B. ein schwieriges Temperament oder eine niedrige Angstschwelle.

Der künftige Reiter eines jungen Pferdes kann sich durch gute erzieherische Grundlagenarbeit am Boden und an der Longe und mit begleitender geduldiger Anleitung durch einen erfahrenen Ausbilder die Arbeit des eigentlichen Anreitens deutlich erleichtern. Natürlich sind nicht alle Fehler vermeidbar und es wird immer mal wieder unliebsame Überraschungen oder »Rückfälle« geben. Wichtig ist, sich dadurch nicht entmutigen oder zu einer unbeherrschten Reaktion verleiten zu lassen. Jedes Pferd lernt anders, hat ein anderes Temperament und vor anderen Dingen Angst - und das Gleiche gilt auch für den Reiter.
 

Angstbewältigung
Behalten Sie möglichst immer die Nerven und versuchen Sie, Ihr eigenes Unbehagen oder auch die eigene Angst unter Kontrolle zu halten, auch wenn Sie einen Verlust der Kontrolle über das Pferd befürchten und sich vorkommen, wie auf dem berüchtigten »Pulverfass«. Das ist oft leichter gesagt als getan und deswegen muss dem Bereich »Umgang mit der Angst«  einige Aufmerksamkeit gewidmet werden. Dabei geht es sowohl um die Angst des Pferdes als auch um die Angst des Reiters und die nahen Verwandten der Angst, nämlich die Wut und den (Jäh-)Zorn. 


Artgerecht und gewaltfrei? – Der Versuch einer Begriffsbestimmung
In den letzten Jahren sind viele Ausbildungs- und Anreit-Methoden in Mode gekommen, die mit den Begriffen »artgerecht • gewaltfrei • schonend« oder »leicht« werben. Klingt gut und nach dem Geschmack jedes echten Pferdefreundes. Leider werden diese Attribute manchmal etwas überstrapaziert und auch oft missinterpretiert. Und oft erweisen sich gerade die Ausbildungsmethoden derer, die angeblich besonders spielerisch und schonend mit den Pferden umgehen, als wenig artgerecht, als lückenhaft (hinsichtlich der nötigen Gymnastizierung des Pferdes) oder sogar gefährlich (für den späteren Reiter). Beginnen wir doch einmal mit dem Begriff artgerecht, den ich auch selbst gern für meine Erziehungsmethoden verwende.
 

Was heißt denn überhaupt artgerecht?
Ist die Nutzung des Pferdes als Reittier artgerecht? Wohl kaum, denn der Rücken des Pferdes ist nicht zum Tragen eines Reitergewichtes geschaffen. Geritten werden liegt nicht in der Natur des Pferdes. Wenn wir es trotzdem tun, handeln wir gegen die Natur des Pferdes - also vom Grundprinzip her überhaupt nicht artgerecht. Ist die Haltung des Pferdes in Boxen artgerecht? Genauso wenig wie das Reiten - aber sie erleichtert den Zugriff auf das von uns genutzte Pferd. Auch wenn wir dem Pferd einen Offenstall mit Auslauf bieten, der seinen natürlichen Bedürfnissen deutlich mehr entspricht als eine geschlossene Box, so ist das hinsichtlich einer wirklich artgerechten Lebensweise nur ein Kompromiss.

Betrachten wir unseren Umgang mit dem Pferd doch einmal unsentimental als das, was es ist: eine rein egoistische Nutzung zu unserem persönlichen Vergnügen. Sind wir verantwortungsbewusst, so versuchen wir, den Bedürfnissen des Pferdes im oben beschriebenen Kompromiss gerecht zu werden. Wir bieten ihnen eine wenigstens annähernd artgerechte Lebensweise in kleinen Gruppen und in offenen luftigen Ställen. Und wir erziehen und schulen sie in einer Weise, die es ihnen schließlich ermöglicht, das Gewicht des Reiters ohne gravierenden Schaden für sich selbst (für Rücken, Sehnen und Gelenke) zu tragen.

Natürlich sind wir auch hier nicht völlig selbstlos, denn eine gute Schulung des Pferdes bewahrt auch uns selbst vor Unbequemlichkeiten und Schaden.
Wenn wir jetzt noch den Begriff schonend hinzunehmen, dann können wir ihn nur mit halbwegs gutem Gewissen verwenden, wenn wir die anatomischen Gegebenheiten des Pferdes und unsere eigene Einwirkung darauf berücksichtigen. Wir können dem Pferd z.B. nicht erlauben, mit weggedrücktem Rücken zu laufen, also müssen wir es davon überzeugen, dass es eine andere Haltung einnehmen soll. Wie viel Zwang oder auch »List und Tücke« wir dabei aufwenden müssen, hängt von den Eigenschaften des Pferdes und von unserer eigenen Fähigkeit ab, dem Pferd etwas verständlich zu vermitteln.

Und erst da kommt der Begriff artgerecht richtigerweise wieder ins Spiel: als dem Pferd verständliche Erziehungsmethode und als eine der anatomischen Art des Pferdes gerechte Reitmethode. Der Reitstil und der spätere Verwendungszweck des Pferdes (als Arbeitspferd, Spazierreitpferd oder Turnierpferd) sind dabei nicht von Bedeutung, es zählt allein eine dem Exterieur gemäße Gymnastizierung des Pferdes, die es in die Lage versetzt, den Reiter ohne Schaden für die eigene Gesundheit zu tragen.
 

Schonend ≠ antiautoritär
Dabei lässt es sich nicht immer vermeiden, Zwang auszuüben, um zu verhindern, dass dem Pferd ein körperlicher Schaden durch das Gerittenwerden entsteht. Schonend kann also nicht mit zwangfrei oder antiautoritär gleichgesetzt werden. Wer das Pferd laufen lässt, wie es will, weil er es z.B. unter keinen Umständen im Maul stören möchte, gefährdet die Gesundheit des Pferdes – und seine eigene, denn ein unerzogenes, ungymnastiziertes Pferd ist ein Sicherheitsrisiko.

Und damit haben wir die Überleitung zum Begriff gewaltfrei. Die Begriffe artgerecht und gewaltfrei bilden in gewissen Bereichen schon einen Widerspruch in sich. Beide müssen eingegrenzt und spezifiziert werden, um sie nebeneinander stehen lassen zu können.
 

Was ist eine artgerechte Erziehung des Pferdes?
Es ist ganz einfach die Erziehung, die einem Pferd in einer Gemeinschaft seiner eigenen Art, also in der Herde und durch die Herdenmitglieder, zuteil wird (oder werden würde). Ist eine solche Erziehung gewaltfrei? Durchaus nicht! Pferde untereinander sind oft ganz schön brutal und befolgen streng hierarchische Regeln. Das beginnt damit, dass der Rangniedere vom Futter weggebissen wird oder nicht in den Unterstand darf und endet mit kräftigen Huftritten, wenn ein Pferd seine »Kompetenzen« überschreitet.

Andererseits gewährleistet nur eine solche Hierarchie den Zusammenhalt, den die Herde als Ganzes braucht, um zu überleben und ihre einzelnen Mitglieder zu schützen. Das einzelne Pferd ordnet sich entweder ein (bzw. erkämpft sich seinen Platz) oder wird verstoßen. Dabei arbeiten die ranghöheren Pferde sowohl mit körperlichem als auch psychischem Druck und nehmen weder Rücksicht auf körperliche Gebrechen noch auf Alter oder Schwäche. Es gilt das Gesetz der Natur und damit das Recht des Stärkeren – und das bietet keinen Raum für Sentimentalitäten. Wollen Sie sich dem Pferd gegenüber auf artgerechte Weise durchsetzen, können Sie also auf eine gewisse Härte nicht verzichten – dem Pferd gegenüber, aber auch sich selbst gegenüber (denn oft muss man sich selbst dazu überwinden, dem Pferd gegenüber bestimmte Dinge durchzusetzen).

Zum Thema Härte gehören im Einzelnen sowohl die Konsequenz, bei einer einmal getroffenen Entscheidung zu bleiben als auch die innere Stärke, eine solche Entscheidung »stur« durchzusetzen. Weiterhin gehört dazu ein kleiner Griff in die Trickkiste, um das Pferd nicht merken zu lassen, dass es uns an körperlicher Kraft vielfach überlegen ist. Schnelle Reaktionen und damit auch prompte Korrekturen gehören dazu. Damit können Sie unerwünschte Aktionen des Pferdes unterbinden, bevor sie sich zu einem Problem auswachsen. Und schließlich brauchen Sie noch genug Ausgeglichenheit, um aus einer ruhigen Grundstimmung heraus zu agieren.
 

Härte und Gewalt liegen dicht beieinander
Wir könnten eine Unterscheidung treffen, indem wir festlegen: Eine strenge oder harte Erziehung des Pferdes ist niemals ungerecht (im Sinne des Pferdes) und entbehrt von Seiten des Ausbilders Emotionen wie Wut, Angst oder Jähzorn. Damit verhindern Sie zu harte Strafen. Sie vermeiden aber auch, dass eine nötige Korrektur oder Strafe aus Angst vor einer nicht kontrollierbaren Reaktion des Pferdes nicht erfolgt – und Ihnen das Pferd irgendwann »auf der Nase herumtanzt«.

Die strenge, konsequente Erziehung wird Ihnen immer den Respekt und damit auch das Vertrauen des Pferdes einbringen. Unkontrollierte Emotionen beim Ausbilder, z.B. jähzorniges »Draufschlagen« erzeugen jedoch Angst, Unverständnis und Vertrauensverlust beim Pferd und im schlimmsten Fall ein Pferd, das gegen Sie kämpft und schließlich eine Gefahr für Sie darstellt. Eine im positiven Sinn strenge Erziehung ist jedoch nur möglich, wenn Sie als Ausbilder wissen, was Sie tun müssen, wie ein Pferd reagiert und wie Sie einer Forderung artgerecht (das heißt für das Pferd verständlich) Nachdruck verleihen.

Andernfalls sind wird tatsächlich beim Thema Gewalt. Ungerechtfertigte, für das »Vergehen« des Pferdes zu harte oder dem Pferd unverständliche Strafen gehören zum Thema sinnlose Gewalteinwirkung: Ein brutales wiederholtes Reißen am Gebiss oder ein zorniges Verprügeln, aber auch ein Zusammenschnüren des Pferdes mit allerlei Hilfsmitteln, bis es sich nicht mehr rühren kann, bringen keinen Erfolg und zeigen stattdessen Hilflosigkeit und Angst des Ausbilders. Solche unnötige Gewalt sollten Sie bei der Ausbildung von Pferden vermeiden. In diesem Sinne ist Gewaltfreiheit tatsächlich wünschenswert.

Sie können Ihrem Pferd jedoch durchaus einen Tritt in die Rippen verpassen, wenn es nach Ihnen gekickt oder gebissen hat; das ist nicht gewalttätig, sondern eine Erziehungsmaßnahme, die Sie davor bewahrt, irgendwann selbst im Krankenhaus zu landen - und außerdem: So fest, wie ein anderes Pferd zutreten würde, können Sie Ihr Pferd gar nicht treten. Sie können auch ruhig einmal die Gerte strafend einsetzen oder den Zügel etwas fester annehmen - solange Sie nicht rückwärts reißen - und sofort wieder nachgeben (Spannung herausnehmen), sobald auch nur der Ansatz einer positiven Reaktion des Pferdes erfolgt. Eine kurzfristige Härte (oder nennen Sie es auch Gewalteinwirkung) in diesem Bereich ist auf Dauer Pferde schonender als ein ewiges »Gezerch« mit einem steifen Pferd, welches den Zügel nicht annimmt, den Rücken nicht hergibt - kurz: einfach unbequem und unsicher zu reiten ist.

Ein Pferd, welches Sie und Ihre Forderungen ignoriert, können Sie mit ausdauernden und unangenehmen Störaktionen auf Ihre Wünsche aufmerksam machen. Je ruhiger Sie dabei selbst bleiben, desto weniger empfindet das Pferd die nervenden Störungen als gewalttätig. Diese Zermürbungstaktik im Sinne von »steter Tropfen höhlt den Stein« ist Ihre einzige Chance, wenn das Pferd sich weigert, einer Forderung von Ihnen nachzukommen.

Sie dürfen nicht aufgeben und sollen sich nicht aufregen - seien Sie also sturer als Ihr Pferd. Für einen unbedarften Zuschauer kann eine solche Störaktion - z.B. durch wiederholtes hartes Rucken am Halfter - ganz schön brutal und gewalttätig aussehen - aber sie wird vom Pferd richtig interpretiert und verstanden - und nur auf artgerechte, verständliche Kommunikation mit dem Pferd kommt es an.
 

Leicht ≠ einfach
Ist Reiten leicht zu erlernen, ist  der Umgang mit dem Pferd immer leicht? Auch hier wieder als Antwort erst einmal ein klares Nein. Das Wesen des Pferdes und seine Anatomie richtig zu verstehen und die »Technik« des Reitens zu erlernen ist mehr oder weniger harte und vor allem konzentrierte Arbeit. Dass eine solche Arbeit Spaß machen kann, steht außer Frage, sonst gäbe es nicht so viele Reiter. Doch leicht im Sinne von einfach ist es nicht. Und wer behauptet, man brauche nur mit dem Pferd zu spielen, um ihm alles Nötige beizubringen, der verdreht schlicht und einfach die Tatsachen. Zur Mitarbeit motivieren müssen Sie Ihr Pferd: Das geht manchmal über spielerische Übungen - manchmal aber auch nicht. Und wenn es nicht geht, müssen Sie andere Methoden in der Trickkiste haben.

Was der Begriff leicht vielmehr ausdrücken soll ist das Erreichen einer gewissen Leichtigkeit in der Zusammenarbeit und Verständigung zwischen Reiter und Pferd - einer Feinabstimmung zwischen beiden, die fast an Telepathie grenzt - ohne deutlich sichtbare Hilfen, ohne Gezerre im Maul und ohne Hilfszügel. Nur: Diese Leichtigkeit ist das Ziel der Ausbildung und nicht ihr Beginn und sie erfordert von Seiten des Ausbilders überlegtes Handeln, logisch aufeinander aufbauende Ausbildungsschritte und dementsprechend eine ganze Menge Können, Wissen und Erfahrung.
 

Die Logik in der Ausbildung
Auf den Begriff Logik möchte ich zum Ende dieser kurzen Abhandlung noch einmal eingehen: Reiten, die Hilfengebung und auch die Pferdeausbildung beruhen auf einem logischen System. (Logik im mathematischen Sinne von folgerichtig innerhalb eines geschlossenen Systems.) Sie können mit einem guten Grundlagenwissen und dem sicheren Verständnis von Psyche und Anatomie des Pferdes Reitstile und Methoden mischen, sich aus vielen unterschiedlichen Bereichen Sinnvolles heraussuchen und daraus Ihr eigenes System entwickeln - doch es muss in sich stimmig und logisch sein.

Überdenken Sie dementsprechend alle Hilfen und Lektionen, die Sie Ihrem Pferd beibringen immer hinsichtlich Folgerichtigkeit, Deutlichkeit und Einordnungsmöglichkeiten in Ihr eigenes Gesamtsystem, nach dem Sie mit dem Pferd arbeiten wollen. Das gilt für das Reiten und die Bodenarbeit gleichermaßen.

 

Literaturempfehlung:

Pferde anreiten: Schritt für Schritt Vertrauen entwickeln - Fehler vermeiden

Zu wissen, was mit dem Pferd gemacht worden ist, ist für viele Jungpferdebesitzer wichtiger als schnelle Einsatzfähigkeit des Pferdes im Turniersport. Kein Profi kann sich so viel Zeit beim Anreiten eines jungen Pferdes nehmen wie der eigene Besitzer.

Warum die Ausbildung also nicht selbst in die Hand nehmen? In diesem Leitfaden wird Schritt für Schritt der Weg zum angenehmen und sicheren Reitpferd beschrieben. Gute Vorbereitung am Boden, Vertrauensaufbau und logische Staffelung von Ausbildungsschritten und Lektionen helfen, Kommunikationsschwierigkeiten und Fehler zu vermeiden.

In jedem Abschnitt werden häufiger auftretende Probleme beschrieben, sowie mögliche Ursachen und Lösungen angeboten.

Das Buch ist im Müller Rüschlikon Verlag erschienen.

Es kostet Euro 24,90. ISBN 978-3-275-01767-6.



Ab ins Gelände

Mit dem Pferd die Natur erleben - bei jedem Wetter? 

Ihr Pferd: In der Halle brav, im Gelände unartig. In der Bahn geregelt, beim Ausritt chaotisch. Auf der Anlage die Ruhe selbst, draußen ein Nervenbündel. Da geht man doch besser den Weg des geringsten Widerstandes und drückt sich vor Geländeritten, wo es nur möglich ist. Alle möglichen Ausreden müssen dafür herhalten, denn man will schließlich nicht offen zugeben: Ja, ich habe Angst vor dem Ausritt!


Geländemuffel
Kommt Ihnen das bekannt vor? Wenn ja, haben Sie guten Grund, sich nicht ins Gelände zu trauen. Ein ungezogenes, nicht regulierbares, hypernervöses Pferd hat nämlich im Gelände nichts verloren, es gefährdet sich und andere. Andere, dass sind zum einen Sie, der in solchen Situationen vom Reiter zum bloßen Passagier wird; andere, das sind aber auch Mitreiter und ihre Pferde, Spaziergänger, Radfahrer. Trotzdem besteht natürlich Handlungsbedarf, denn derlei Probleme beim Ausritt lassen immer auf massive Ausbildungsdefizite schließen.

Nicht immer aber sind es so nachvollziehbare Gründe, die uns Reiter daran hindern, unsere Pferde regelmäßig (auch) im Gelände zu bewegen. Die Fraktion der Geländemuffel läßt sich in drei Gruppen einteilen:

  • Da sind zum einen die Reiter, die mit ihrem Pferd aus den genannten Gründen nicht nach draußen gehen. Ihre Pferde sind im Gelände nicht zu regulieren, gebärden sich hysterisch, gehen durch oder verhalten sich auf andere Weise so, dass jeder Ausritt zum Höllenritt ist. Kein Wunder, dass der Reiter lieber in der Bahn bleibt! Doch wird dieses Problem nicht aktiv angegangen, wird sich auch keine Lösung einstellen. Mit anderen Worten: Auch auf lange Sicht erscheinen Geländeritte unmöglich. Die Ursachen für dieses Problemfeld: Mängel in der Aufzucht und/oder Ausbildung.
     
  • Dann gibt es da noch eine zweite Gruppe, bei denen nicht die Pferde, sondern die Reiter das Problem sind. Ihre Pferde verhalten sich im Gelände eigentlich unauffällig, sind höchstens im normalen Umfang etwas gehfreudiger, etwas frischer als in der Bahn. Ihre Reiter aber wittern hinter jeder angebotenen schnelleren Gangart ein Durchgehen, hinter jedem auftauchenden Traktor einen sich anbahnenden Unfall, hinter jedem Wiesenweg eine Rennstrecke.

    In der Bahn oder Reithalle bietet ihnen die Einzäunung, die gleich bleibende Umgebung Sicherheit; die Freiheit und relative Unkontrollierbarkeit des Geländes dagegen verunsichert sie zutiefst und macht ihnen bewusst, wie schwach sie im Verhältnis zu ihrem Pferd sind. Zugrunde liegt dieser Haltung mangelndes Vertrauen des Reiters in sich selbst und in sein Pferd, beides Probleme, die durchaus gelöst werden können.
     
  • Und als dritte Gruppe hätten wir noch jede Menge Reiter, die es überhaupt nicht ins Gelände zieht. Dies sind zum einen häufig Aktive bestimmter (Turnier)Disziplinen, die eben nur die im Wettbewerb abgefragten Bewegungsmuster üben. Geländefertigkeiten gehören nicht dazu, also wird ausschließlich in der Bahn geritten. Freie Bewegung bekommt das Pferd trotzdem, natürlich – schließlich geht es jeden Tag eine Stunde in der Führanlage! Das sie ihre Pferde dabei geistig verdummen und körperlich zugrunde richten, ist ihnen nicht bewußt.

    Und zum anderen finden wir hier die Reiter, deren Pferde mitten in einer Großstadt aufgestallt sind, wo es eben weit und breit keine Ausrittmöglichkeit gibt. Auch sie reiten dann eben ausschließlich in der Bahn - gezwungenermaßen? Keineswegs, denn niemand hat sie wirklich dazu gezwungen, ihre Pferde unter diesen ungünstigen Bedingungen aufzustallen. Auch für diese Pferde gilt: Sie verkommen körperlich wie seelisch.
     

Ausritte müssen sein
Welcher der o.g. Gründe auch für Sie und Ihr Pferd zutrifft – Sie sollten schleunigst daran gehen, etwas zu ändern. Denn Ausritte müssen einfach sein! Viele gewichtige Gründe sprechen dafür, Pferde regelmäßig auch im Gelände zu bewegen, und diese Gründe treffen auf jeden Reiter, jedes Pferd zu. Bevor Sie daran gehen, den oft schweren Weg vom Geländemuffel zum Geländereiter zu gehen, sollten Sie sich dies deutlich vor Augen führen. So wissen Sie wenigstens, warum Sie sich all die Mühe machen:

  • Im Gelände findet das Pferd ein abwechslungsreiches Geläuf vor. Der Boden in Halle und Außenreitbahn ist quasi genormt, immer gleich, und immer recht weich und tief. Der gesamte Trageapparat des Pferdes stellt sich auf diese Verhältnisse ein und wird dadurch nur unzureichend trainiert. Nicht nur Muskulatur, Herz oder Lunge lassen sich trainieren, sondern auch alle tragenden Strukturen des Pferdes, also Knochen, Gelenke, Sehnen, Bänder und Hufkapsel.
     
    Untrainiert, verweichlicht, auf der anderen Seite aber durch die oft sehr tiefen Böden einseitig belastet – vor allem die Hufrolle leidet darunter – nimmt der Trageapparat auf lange Sicht Schaden. Im Gelände dagegen findet das Pferd nicht nur unterschiedlich hartes, sondern auch strukturiertes Geläuf vor, das seinen gesamten Trageapparat auf vielfältige Weise trainiert, abhärtet, arttypisch belastet. Pferde sind von Natur aus Steppentiere und somit darauf eingerichtet, mit eher harten Böden zurecht zu kommen.
     
  • Im Gelände ist Ihr Pferd der Witterung ausgesetzt. Es atmet frische Luft, lässt sich UV auf den Pelz strahlen, muss mit unterschiedlichen Temperaturen und mit Niederschlägen klarkommen. Die Sonne regelt den Fruchtbarkeitszyklus der Stuten und fördert die Bildung des Knochen härtenden Vitamin D, Wind und Wetter trainieren den komplizierten, aber überaus leistungsfähigen Temperaturregulationsmechanismus des Pferdes, die Lungen erfreuen sich an von Schadstäuben und Ammoniak unbelasteter Atemluft. Zwar arbeitet Ihr Pferd auch auf einer Außenreitbahn an der frischen Luft, doch liegt diese meist recht geschützt.

    Und Hand aufs Herz: Bei „schlechtem“ Wetter geht es eh´ flugs wieder in die warme, heimelige Halle. Ihr Pferd aber braucht Sonne, Frischluft und Witterungseinflüsse für seine Gesundheit und sein Wohlbefinden. Gerade die Kombination von nicht artgerechter Aufstallung in Innenboxen und fehlenden Geländeritten findet sich sehr häufig und führt dazu, dass die betroffenen Pferden völlig abgeschirmt gehalten werden. Für ihre Gesundheit eine Katastrophe!
     
  • Im Gelände muss sich Ihr Pferd mit einer Vielzahl von Reizen befassen. Nicht nur die bereits erwähnten Witterungseinflüsse, das unterschiedliche Geläuf fordern seine Aufmerksamkeit, sondern das ganze Leben draußen. Traktoren und bellende Hunde, Spaziergänger mit Regenschirmen und flatternde Kulturfolien, knatternde Rasenmäher und heulende Tiefflieger, aber auch vorbei huschende Rehe, krächzende Krähen und raschelndes Herbstlaub. Alle Sinne sind auf Empfang, ständig müssen ankommende Signale aufgenommen, ausgewertet, vielleicht beantwortet werden.
     
    Ein Graus, denn das Pferd soll sich doch schließlich auf seinen Reiter, auf seine Aufgabe konzentrieren? Natürlich soll es das, und das kann es auch, denn seine Konzentrationsfähigkeit ist gerade deshalb so geschult weil es gelernt hat, mit einer Vielzahl von Reizen zurecht zu kommen. Wer sich dagegen sein ganzes Leben im Elfenbeinturm von Box und Bahn aufhält, den wirft es bereits völlig aus der Bahn, wenn im Nachbarort eine Maus hustet. Intelligenz und Konzentrationsvermögen nehmen zu, je mehr Ihr Pferd geistig zu tun hat. Jeder Vierbeiner verblödet dagegen regelrecht, hält man ihn sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, abgeschirmt und geistig unbeschäftigt.
     
  • Im Gelände wird Ihr Pferd auf abwechslungsreiche Art bewegt. Einseitige Arbeit bedeutet einseitige Belastung, bedeutet Überlastung. Pferde, die lediglich in der Bahn die immer gleichen Lektionen absolvieren, sind auf ihrem Gebiet vielleicht herausragend ausgebildet, aber eben nur in einem eng begrenzten Bereich. Es sind, Entschuldigung, Fachidioten, körperlich wie geistig, und darüber hinaus gesundheitlich irgendwann beeinträchtigt. Das gilt für alle Disziplinen, die zu einseitig betrieben werden, ob Dressurkünstler oder Springcrack, Ovalbahntölter oder Reiner: Je größer der Ehrgeiz ihrer Reiter, desto verbissener und damit einseitiger wird ein immer gleiches Programm abgespult, um das Pferd optimal auf die nächste Prüfung vorzubereiten.

    Dies geht, oft über lange Zeit, scheinbar erstaunlich gut. Denn: Anzeichen für Probleme werden nicht erkannt oder falsch gedeutet. Es gilt in vielen Kreisen immer noch als völlig normal, wenn Pferde nur in der Bahn geritten, nur in der Innenbox gehalten werden. Alle damit im Zusammenhang stehenden Schwierigkeiten, von Verhaltensstörungen über Gesundheitsprobleme bis hin zum frühzeitigen „Verschleiß“ werden zwar bedauert, aber als normal hingenommen. Pferdefreunde denken da anders.


Ausritt, nein danke!
Natürlich soll hier nicht behauptet werden, Geländereiter seien die besseren Reiter, seien die wahren Pferdefreunde. Nicht jedes Pferd, das auch oder oft im Gelände geritten wird, ist automatisch auch das besser gerittene Pferd. Nein, zum guten – die Gesundheit des Pferdes fördernden - Reiten gehören zwingend zwei Faktoren: Zum einen die Abwechslung über eine gute Mischung von Bahnarbeit, Longentraining und Geländeritten, zum anderen eben auch immer ein gut sitzender, fein einwirkender, im besten Sinne des Wortes ausbildender Reiter.

Es überrascht nicht, wenn von Geländemuffel zahlreiche Gründe angeführt werden, die gegen Ausritte zu sprechen scheinen:

  • Im Gelände ist mein Pferd abgelenkt: Stimmt nicht, denn es lernt erst im Gelände und nur im Gelände, sich nicht ablenken zu lassen.
     
  • Im Gelände kann ich meine Lektionen nicht üben: Stimmt nicht, denn jede Form von Basisarbeit und fast alle Elemente der höheren Ausbildung lassen sich problemlos ins Gelände verlegen.
     
  • Im Gelände ist die Gefahr größer, dass sich mein Pferd verletzt: Stimmt nicht, denn geübte Geländepferde sind besser trainiert und weniger anfällig für unfallträchtige Situationen (Stolpern, Vertreten, Scheuen).
     
  • Im Gelände verliert mein Pferd an Ausstrahlung: Stimmt nicht, denn was oft mit Ausstrahlung verwechselt wird, ist die hohe körperliche wie seelische Anspannung des an Bewegungsmangel und Unterforderung leidenden Pferdes.

Und die absolute Hammer-Ausrede:

  • Mein Pferd will überhaupt nicht ins Gelände: Das wäre wirklich das erste und einzige Pferd, das nicht freudestrahlend die langweilige Bahnarbeit mit einem interessanten Ausritt tauschen würde!

Kurz gesagt, alle Gründe, die gegen Geländeritte angeführt werden, sind nichts als Ausreden und Fehleinschätzungen. Natürlich sind nicht immer und überall Geländeritte möglich und notwendig: Bei Glatteis und Gewitter, im Herbststurm und mit einem rekonvaleszenten Pferd etwa kann es angezeigt sein, vorübergehend darauf zu verzichten. Grundsätzlich aber gehören Geländeritte zum Reiten wie der Huf zum Pferd.

Überzeugt? Sie haben immer noch Angst, wollen es aber trotzdem angehen? Dann überlegen wir einmal, wie Sie und Ihr Pferd vom Geländemuffel zum Geländefreak werden können. Eines vorweg: Wenn bei Ihnen wirklich die Angst tief sitzt, werden Sie das eine oder andere Mal die ...backen fest zusammen petzen müssen. Egal, ob Ihre Angst begründet, also Folge eines sich im Gelände unkontrollierbar zeigenden Pferde ist, oder in mangelndem Vertrauen in sich oder das Pferd wurzelt. Ihre Angst will und muss wahrgenommen, aber eben auch angegangen werden. Nicht wie ein Feind, den es zu besiegen gilt, sondern wie eine Krücke, die nun überflüssig geworden ist. Also, wie stellen Sie es an?
 

Gelände-Chaoten
Es gibt sie natürlich wirklich, die im Gelände zum Höllenstuhl mutierenden Pferde. Sie sind das Resultat einer falschen Aufzucht und/oder fehlerhaften bzw. zu einseitigen Ausbildung. Oft wird das alles noch zusätzlich kompliziert durch ein sensibles Nervenkostüm und einen überdurchschnittlich großen Laufwillen. Ihr Ziel ist ein Pferd, das die Umweltreize des Geländes zwar wahrnimmt, aber nicht überbewertet, das im Gelände gut an den Hilfen steht und sich immer regulieren lässt und das dabei gelassen, entspannt bleibt.

Das Praktische: Sowohl die echten Feuerstühle als auch die eigentlich braven Pferden, denen ihre Reiter nur nicht ausreichend vertrauen, können dasselbe Programm durchlaufen. Es besteht aus ganz einfachen Elementen, die zugleich Ausbildungsübung wie vertrauensbildende Maßnahme sind. Der erste Schritt ist der vielleicht wichtigste: Holen Sie Ihr Pferd sofort aus seiner Watte, in die Sie es gepackt haben. Pferde, die auf die im Gelände vorkommenden Reize überreagieren, die unter Bewegungsmangel leiden und ständig unter Strom stehen, dürfen nicht dauerhaft vor sich selbst beschützt werden. Nur ein Beispiel, vielleicht ein extremes, aber sicher kein Einzelfall: Da wird ein Pferd in der Innenbox aufgestallt, obwohl auf demselben Hof eine Außenbox bereit stände.

Man hat es ja versucht, aber das arme Tier hat mit großer Unruhe reagiert. Das wollte man ihm nicht zumuten! Besagtes Pferd kann auch den Weidegang nicht genießen, der ebenfalls möglich wäre, denn dabei würde es vermutlich völlig ausrasten und könnte sich verletzen. Das – sechzehnjährige – Dressurpferd hat beim Vorbesitzer eben auch noch nie irgendeine Form von Freiheit genossen, und jetzt sei es eben zu spät. So bleibt es Gefangener seiner Box, ohne jeden Kontakt mit der Außenwelt. Ach ja: Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass dieses Pferd nie im Gelände geritten wird. Dies ist ganz sicher der falsche Weg. Pferde wie Menschen sind fähig, sich zu ändern, können neue Erfahrungen machen, umlernen oder umdenken, bis zum letzten Atemzug. Wenn man sie denn lässt.

Überlegen Sie, wie Sie Ihr Pferd den Umweltreizen des Geländes aussetzen können, ohne sich oder es in Gefahr zu bringen. Wechseln Sie in eine Außenbox, in eine artgerechte Gruppenauslaufhaltung, ermöglichen Sie ihm Weidegang. Nehmen Sie in Kauf, dass Sie dabei vielleicht Schwierigkeiten und Hemmnisse überwinden müssen, aber Sie wissen ja: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Nutzen Sie jede Gelegenheit, sich mit Ihrem Pferd unter freiem Himmel aufzuhalten, ruhig zunächst in geschützter Umgebung, ohne Druck auf sich auszuüben.

Verschaffen Sie Ihrem Pferd genügend Bewegung. Es liegt in der Natur aller Pferde, täglich weite Strecken in langsamer Gangart zurück zu legen, unnatürlich ist dagegen das lange Stehen in der Box, gefolgt von einer Stunde Höchstleistung. Dieser Wechsel von Bewegungsmangel und Überforderung stellt Pferde unter Stress, und das bekommen Sie beim Geländeritt zu spüren. Eine artgerechte Haltung bietet allen Pferden ausreichend Gelegenheit und Anreize, sich zu bewegen, und zwar andauernd und nach eigenem Gutdünken. Auch Ihr Pferd hat dann einfach weniger Anlass, sich im Gelände unkontrolliert auszutoben.

Sorgen Sie ab heute für, Abwechslung in Ihrem Trainingsplan. Wie, ist eigentlich nebensächlich. Dressurarbeit in der Halle, Cavalettitraining dann aber auf dem Außenplatz, Longieren in der Longierhalle, das ist immerhin ein Anfang. Schreiben Sie zur Selbstkontrolle auf, was Sie wann und wo trainiert haben. Spulen sie nie öfter als dreimal hintereinander dasselbe Programm ab, es sei denn, es liegen gewichtige Gründe vor (etwa Aufbautraining nach einer Operation). Reiten Sie auf dem Außenreitplatz, sooft es geht – ja, auch wenn das Herbstlaub im Sturm raschelt oder Ihr Pferd im kalten Wind etwas hüpfig wird. Vom Außenreitplatz zum Gelände ist es ein kleinerer Schritt als von der Halle nach draußen.

Hartnäckig hält sich die Mär vom Pferd als Gewohnheitstier, das schon seelisch aus der Fassung gerät, wenn ihm nicht die Hufe in vorgeschriebener Reihenfolge ausgekratzt werden. Das stimmt so nicht! Die Vorfahren unserer Hauspferde konnten sich keine Form von geistiger Trägheit – und das Festhalten an einer sinnlosen Routine ist ja genau dies – leisten, sie mussten als Herdentiere, als Fluchttiere immer bereit sein, schnell und spontan Entscheidungen zu treffen, flexibel auf sich ändernde Umweltbedingungen zu reagieren. Unsere Pferde werden größtenteils durch zuviel Routine in ihrem Leben künstlich dumm gemacht und das sie dann bei jeder Abweichung austicken, liegt wohl auf der Hand. Also, fordern Sie Ihr Pferd auch geistig!

Stecken Sie ganz allmählich Ihre Grenzen weiter. Vielleicht ist Ihr Pferd unterm Sattel im Gelände allzu heftig, lässt sich aber ganz prima spazieren führen? Oder es wird erst dann hektisch, wenn Sie den Rückweg zum Stall einschlagen? Wenn Sie alleine draußen reiten, oder wenn Sie in Gesellschaft übermäßig forsch reitender Kollegen unterwegs sind? Wie auch immer, analysieren Sie das Verhalten Ihres Pferdes im Gelände genau und versuchen Sie, ob eine Änderung Ihrer Gewohnheiten das unerwünschte Verhalten umgehen könnte.
 

Spaziergang im Grünen
Ein guter Weg, eine prima Kompromisslösung sind Spaziergänge. Sie fühlen sich einfach sicherer, dem Pferd weniger ausgeliefert, wenn Sie festen Boden unter den Füßen haben. Ihr Pferd kann sich nicht von ihrer Spannung anstecken lassen, es hat Sie, seinen freundlichen Chef, immer im Blick. Ganz unauffällig können Sie beginnen, indem Sie etwa beim Weg vom Putzplatz um Stall einen kleinen Schlenker vors Hoftor machen, ganz allmählich lässt sich dieser Weg dann ausdehnen.

Achten Sie von Anfang an darauf, das Weggehen angenehm und das Zurückgehen eher lästig zu machen, so beugen Sie dem gefährlichen Drang heim zum Stall vor. Also: Ganz gemütlich weg vom Stall, unterwegs ein wenig grasen, und beim Rückweg ein paar Übungen wie Anhalten, Rückwärtsrichten, Schenkelweichen oder Schulterherein an der Hand. Notfalls nach dem Ankunft im Stall noch eine Trainingseinheit unterm Sattel oder an der Longe – Ihr Pferd wird bald keinen Grund mehr sehen, so schnell wie möglich zurück zum Stall zu drängen!

Achten Sie außerdem darauf, dass Ihre Spaziergänge zwar stressfrei, aber nicht langweilig sind. Langeweile bringt Pferde wie Kinder auf dumme Gedanken, und das wollen wir vermeiden. Bauen Sie also soviel Abwechslung wie möglich ein, gehen Sie täglich einen anderen Weg, arbeiten Sie Ihr Pferd draußen an der Hand. Dehnen Sie diese Spaziergänge immer weiter aus und, wenn Sie sich wirklich sicher fühlen, legen Sie ruhig auch einmal ein kurzes Stück im Trab zurück. Dann noch eines, und dann vielleicht ein längeres. Wenn das klappt, sind Sie bereit für den nächsten Schritt.

Satteln Sie Ihr Pferd und trensen es auf, und dann gehen Sie wie gewohnt mit ihm spazieren. Am nächsten Tag vielleicht auch, und am dritten sitzen Sie einfach unterwegs einmal auf. Und gleich wieder ab. Und hundert Meter weiter noch einmal. Dann geht es wieder heim, alles wie gehabt.
Wie es weiter geht, dürfte klar sein: Sie gehen spazieren, sitzen auf, reiten ein kleines Stück, sitzen wieder ab. Sitzen später noch einmal auf, reiten ein wenig länger, und runter. Und beim nächsten Mal reiten Sie schon ein wenig mehr, dann noch mehr, schließlich traben Sie ein Stück und irgendwann sitzen Sie nur noch ab, wenn Ihnen danach ist: Wenn Ihr Pferd Stress bekommt, oder Sie sich unsicher fühlen.

Der Umweg übers spazieren gehen mag kindisch, unwürdig erscheinen, aber es ist ein sehr Erfolg versprechender Weg. Das langsame Trotten hintereinander oder nebeneinander ist die dem natürlichen Instinkt des Pferdes am meisten entsprechende Form der Fortbewegung und am besten geeignet, Ruhe in die Sache zu bringen. Der unsichere, ängstliche Mensch wiederum fühlt sich subjektiv sicherer als auf dem Rücken des Pferdes, und somit ist beiden gedient.
Gewöhnung an Umweltreize, Gewöhnung an Abwechslung und spazieren statt reiten – mit diesen einfachen Mitteln ist oft schon viel zu erreichen.
 

Ausbildung muss sein
Natürlich nützt dies alles nichts, wenn unser Pferd im Gelände den Gehorsam verweigert. Es muss immer und überall an den Hilfen stehen und dies kann es nur, wenn es entsprechend ausgebildet worden ist. Pferde, im in der Bahn scheinbar durchlässig sind und im Gelände unregulierbar erscheinen, sind nicht reell ausgebildet.

Jeder Reiter wird, sobald er sich in den Sattel schwingt, zum Ausbilder seines Pferdes. Insofern ist es seine oder ihre Aufgabe, sein Pferd nicht nur zu bewegen, sondern eben auch auszubilden. Ausbildung aber bedeutet, Dressurarbeit, und zwar nicht im Sinne einer Vorbereitung auf Dressurprüfungen, sondern als gymnastizierende Arbeit entsprechend der betriebenen Reitweise. Dieses Training muss sich wie ein roter Faden durch das Leben eines jeden Pferdes ziehen.

Es soll dadurch nicht nur an Kraft, Ausdauer, Geschick, Geschmeidigkeit gewinnen, sondern auch lernen, immer besser mit dem Reiter zu kooperieren. Je weniger Aufwand beim Reiten generell nötig ist, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen, desto besser die Feinabstimmung zwischen Pferd und Reiter. Eben diese Harmonie ist eine Basis, auf der auch der Geländereiter sein Vertrauen zum Pferd bauen kann. Wie dies im Einzelnen zu erreichen ist, steht in jeder Reitlehre. Es muss halt nur praktiziert werden, lesen alleine genügt nicht.

Auch der Reiter ist gefordert, sich immer weiter zu entwickeln. Eine selbstkritische Haltung beim Reiten, der regelmäßige Besuch von Reitstunden, Fortbildungen und Lehrgängen zu speziellen Themen, nur diese Zutaten machen den Draufsitzer irgendwann zum Reiter. Geländemuffel im Besonderen können von diesen Lerninhalten profitieren:
 

  • Cavalettitraining,leichter Sitz, Springreiten für Anfänger – um den Sitz zu verbessern und zu lernen, mit Geländeunebenheiten besser zurecht zu kommen;
     
  • Pferdeverhalten – um das eigene Pferd besser kennen zu lernen;
     
  • Dressurbasisarbeit – um die Durchlässigkeit des Pferdes zu fördern und den eigenen Sitz zu formen;
     
  • Zirzensik oder Spielkurse – um mehr Leichtigkeit, weniger Verbissenheit in die Arbeit mit dem Pferd einzubringen.


Glückliche Umstände
Sie können noch mehr tun, um Geländeritten den Horrorfaktor zu nehmen:

  • Überprüfen Sie Ihre Ausrüstung kritisch: Passt der Sattel? Passt das Gebiss und ist es dem Ausbildungsstand Ihres Pferdes, Ihrer Person angemessen?
     
  • Suchen Sie Ihr Heil nie in scharfen Gebissen und einem Arsenal an Hilfszügeln, um Ihr Pferd so besser „halten“ zu können. Gutes Reiten braucht keine Bremskraftverstärker – damit machen Sie alles nur schlimmer statt besser.
     
  • Achten Sie darauf, Ihr Pferd bedarfsgerecht zu füttern, damit es im Gelände nicht unversehens vom Hafer gestochen wird.
     
  • Reiten Sie nie mit anderen aus, wenn diese ihre Pferde nicht unter Kontrolle haben oder zu allzu forschem Reiten (= unkontrolliertem Rasen) neigen.
     
  • Nehmen Sie ein Handy mit.
     
  • Ziehen Sie Schuhwerk an, mit dem Sie auch gut zu Fuß sind, damit Sie unterwegs absitzen und auch längere Strecken führen können, wenn es Ihnen zuviel wird.
     
  • Rüsten Sie Ihren Sattel mit einem Maria-Hilf-Riemen (im Katalog unter Aufstieghilfe zu finden) aus.
     
  • Reiten Sie immer mit Helm, geeignetem Schuhwerk und Handschuhen.
     
  • Gönnen Sie sich und Ihrem Pferd nach jedem gelungenen Ausritt eine Belohnung.

Sie hätten zwar Lust, aber heute noch nicht? Es regnet gerade, oder sie müssten noch dringend einen Riesenberg Wäsche bügeln? Kneifen gilt aber nicht, damit gewinnen Sie nicht etwa Zeit, sondern verlieren sie. Jede Menge Zeit, die Sie künftig bei entspannenden, erfrischenden, bereichernden Geländeritten verbringen könnten. Fragen Sie mal Ihr Pferd!

 

Literaturempfehlung:

Reiten im Gelände
Die Reitschule

Geländeritte gehören zum Trainingsalltag wie der Huf zum Pferd. Manchmal bilden sie die Grundlage der Ausbildung von Reiter und Pferd, manchmal ergänzen sie diese sinnvoll, manchmal sorgen sie vor allem für Abwechslung im Alltag.
 
Immer aber sind Geländeritte ein wichtiges, wenn auch im üblichen Reitunterricht oft vernachlässigtes Element der Ausbildung. Der Ratgeber vermittelt praktische Anleitungen und das notwendige Hintergrundwissen.

Mehr Informationen finden Sie hier.

Das Buch ist im Müller Rüschlikon Verlag erschienen.

Es kostet Euro 9,95. ISBN 978-3-275-01748-5.


















 



Hengste

Hengste: temperamentvolle Supermänner auf der Weide 

Die Super-Machos
Superman hat Kinder bekommen: In verschiedenen Fernsehformaten werden dem Zuschauer (interessanterweise ausschließlich weibliche) Supermenschen präsentiert, die Übermenschliches in Sachen Erziehung - mal von Kindern, mal von Hunden - zu leisten vermögen. Das Wörtchen „Super“ soll dem Zuschauer klarmachen: Hier kann er mehr erwarten als normale, durchschnittliche Leistungen, hier wird super-schnell super-viel erreicht.

Super sollen auch unsere Deckhengste sein: Gebäude, Gangwerk, Temperament und Charakter dürfen keine Wünsche offen lassen. Darüber wachen gut ausgebildete Qualitätskontrolleure in Sachen Pferd, Körkommissionen genannt. Sie sollen sicherstellen, dass nur Super-Pferde zum Zug kommen, und das ist auch richtig so. Auch in der allgemeinen, reitenden Bevölkerung sind die Erwartungen an einen Vererber hoch, denn schließlich wollen wir seine Nachkommen später einmal selbst reiten. Interessanterweise weist die allgemeine Einschätzung der Hengste eine seltsame Schizophrenie auf: Da sind zum einen hohe Erwartungen bezüglich Exterieur, Interieur und Gangwerk, zum anderen aber gewisse negative Einschätzungen, die ebenso weit verbreitet wie unangebracht sind. Hengsten allgemein und Deckhengsten besonders haftet der Ruf an, wahre Supermänner in Sachen Machismo zu sein.

Machos, das wissen wir, fallen durch eine ins Groteske gesteigerte Männlichkeit unangenehm auf; Machos nerven durch ihr Aufmerksamkeit heischendes Auftreten, das nach ständiger Bewunderung ihrer männlichen Attribute verlangt. Im Macho vereint sich alles, was Frau am Mann stört, und doch sind Machos fest davon überzeugt, mit ihrer Männlichkeit jede Frau schwach zu machen. Hengste, so glauben wir,  sind nun der vierbeinige Gegenpart zu so viel ungehemmter Männlichkeit, aber stimmt das überhaupt?
 

Der Hengst - das unbekannte Wesen
Anatomisch gesehen, ist der Unterschied zwischen Hengst und Wallach nicht groß: Zwei kleine Fleischbällchen von der Größe einer großzügig geformten Frikadelle machen den ganzen Unterschied aus, und doch liegen zwischen Hengst und Wallach Welten. Wer einmal genauer hinsieht, wird außer dem „kleinen Unterschied“ weitere körperliche Merkmale entdecken, die Hengst und Wallach unterscheiden. Dies liegt daran, dass Hengste permanent Anabolika zu sich nehmen: Die männlichen Geschlechtshormone haben eine anabole Stoffwechselwirkung, begünstigen also die Muskelbildung. Wallache müssen weitgehend ohne dieses natürliche Doping auskommen und fallen dadurch weniger durch die schönen, runden Formen auf, die den Hengst oft schon von weitem auszeichnen.

Insbesondere die obere Halslinie, der Aufsatz, fällt beim Wallach vergleichsweise mickrig aus. Nicht immer sind Hengste aber mit schwellenden Muskelpaketen großzügig bedacht, so mancher Super-Macho kommt sogar übermäßig schlank daher. Das liegt daran, dass Hengste vor allem während Frühjahr und Sommer - ´tschuldigung - recht schwanzgesteuert sind. Soll heißen: Ihre Hormone heizen ihnen mächtig ein, die Anwesenheit von Pferdedamen lässt die Futteraufnahme zur Nebensache werden oder verlangt permanente körperliche Aktivität - das lässt Muskulatur und Fett zusammenschmelzen wie Schnee in der Sonne. Rippig sehen sie dann aus, nicht mehr wie Bodybuilder - das Macho-Dasein ist eben nicht ohne Nebenwirkung.

Weniger gut zu beschreiben ist die Ausstrahlung, die einen richtigen Hengst auszeichnet. Nein, einen Hengst erkennt man nicht daran, dass er permanent auf zwei Beinen unterwegs ist, ständig in der Gegend herum brüllt und alles bespringt, was sich vor ihm bückt. Richtige Hengste überzeugen durchaus durch gute Manieren, und trotzdem ist da etwas: Ausstrahlung, Auftreten, Präsenz. Hengste sind halt die reinsten Strahlemänner. So, wie gute Zuchtstuten auch ein mütterliches Gehabe auszeichnet, muss ein guter Zuchthengst wie ein Hengst auftreten.
 

Großer Auftritt
Nimmt man alle anthropomorphen Interpretationen weg, lässt sich die typische Ausstrahlung eines Hengstes wohl am ehesten als Selbstbewusstsein bezeichnen. Ob auf der Weide oder im Stall, ob unterm Sattel oder an der Hand, wo Hengste auftreten, ziehen sie automatisch alle Blicke auf sich. Es gibt wohl kein dankbareres Fotoobjekt als einen Hengst: Er scheint sich automatisch in die Brust zu werfen, sobald er eine Kamera sieht. Majestätisch wird in die Weite geblickt, bis es „Klick“ gemacht hat. Hier noch ein bisschen die Frisur zurecht geschüttelt, da noch schnell den Hals imposant gewölbt, vielleicht ein wenig mit den Augen gerollt, fertig ist ein Traumporträt.

Dieses gewissen Auftreten, diese besondere Präsenz ist allen Hengsten eigen, allerdings muss man auch sagen: Viele Hengste fallen vor allem durch ausgesprochen schlechtes Benehmen auf, und da dieses stark vom Geschlecht geprägt wird, werden diese so genannten Hengstmanieren (geschlechtstypisches, schlechte, unerwünschtes Benehmen) leicht einmal mit dem „normalen“ Hengstgehabe (geschlechtstypisches Benehmen) verwechselt. Oft glaubt der Laie deshalb: Was ein richtiger Kerl ist, der lässt sich fast nur unter Lebensgefahr führen, reiten, vorführen. Wenn da nicht der Angstschweiß in Strömen fließt, stimmt etwas mit dem Hengst nicht.

In diese Schublade gehören unerwünschte Eigenschaften, die zu Unrecht gerne allen Hengsten zugeschrieben werden: Angriffslust Menschen und Artgenossen gegenüber, Unberechenbarkeit bei Anwesenheit von Stuten, Unkontrollierbarkeit beim gemeinsamen Training. Hengste werden deshalb weggesperrt, isoliert, mit scharfem Gerät gehändelt, von vornherein grob behandelt, dauernd unter Druck gesetzt, um den für unvermeidlich angesehenen Eskapaden vorzubeugen. Aber sind sie wirklich so? Zeichnet den echten Hengst ein solch hohes Aggressionspotential aus, muss man ihn sich unterwerfen, um ihn beherrschen zu können? Wie sieht es aus, das wahre (Innen)Leben unserer Hengste?
 

Macho mit Herz
Wenn Klein-Hengst auf die Welt kommt, unterscheidet er sich vom ersten Tag an von seinen weiblichen Altersgenossen. Schon die Fohlen, männliche wie weibliche, zeigen geschlechtsspezifisches Verhalten. Kaum auf der Welt und noch wackelig auf den Beinen, pieselt der kleine Hengst schon markierend über die Hinterlassenschaften seiner Artgenossen, riecht an Mamas Urin und flehmt wie ein Großer. Kaum ein wenig selbständig geworden, werden wilde Schaukämpfen mit den anderen Machos in spe ausgefochten - alles spielerisch, versteht sich, aber eben auf eine Weise, die dem Betrachter deutlich zeigt: Hier spielen echte Männer! Die jungen Damen üben sich vorzugsweise in der gegenseitigen Fellpflege, in Laufspielen, raufen aber kaum je rituell miteinander.

Aber: Auch wenn die jungen Kerle gerne miteinander kämpfen, sind sie doch dabei ebenso sozial wie ihre weiblichen Artgenossen. Alle Kämpfe unterliegen strengen Regeln, es wird gespielt, nicht gestritten. Wer sich eben noch wild und gefährlich angestiegen hat, krabbelt sich jetzt schon hingebungsvoll das Fell, grast friedlich nebeneinander oder ruht, Seite an Seite. Es sind keine asozialen Schlägertypen, die da heranwachsen, sondern verantwortungsbewusste Familienväter.

Irgendwann kommt die Zeit, in der Hengstfohlen und Stutfohlen getrennte Wege gehen. Meist wird der Züchter beim Absetzen zwei Herden bilden und die Kleinen nun auf großen Weiden und in großzügigen Stallungen aufwachsen lassen. Kein erfahrener Züchter würde auf die Idee kommen, seine Junghengste - ob potentielle Wallache oder Hengstanwärter - von Artgenossen isoliert heranwachsen zu lassen. Zudem gibt die Natur die Bildung von Junggesellenherden vor, denn bei Wildpferden gilt: Sobald der Althengst den männlichen Nachwuchs aus der Kernherde vertreibt, schließen sich die Junggesellen zu eigenen Herden zusammen.

Das Leben zusammen mit anderen Hengsten verschiedener Altersgruppen ist bei Wildpferden oder verwilderten Pferden die Regel, nicht die Ausnahme, da ungefähr ebenso viele Stutfohlen wie Hengstfohlen fallen und ein Haremshengst eine ganze Gruppe von Stuten für sich beansprucht - die anderen gehen leer aus und bilden eben eigene Junggesellenherden. Bei artgerechter Aufzucht werden Hengste auch in menschlicher Obhut ihre sozialen Fähigkeiten soweit entwickeln, dass Junggesellenherden gebildet werden können. Die Mär von asozialen, alle Artgenossen aggressiv angehenden Hengst ist also genau das - eine Mär. Hengste unterscheiden sich in ihren sozialen Fähigkeiten nicht von ihren kastrierten oder weiblichen Artgenossen - wenn sie artgerecht aufgezogen werden.
 

Lizenz zum Kinderkriegen?
Irgendwann steht der junge Hengst am Scheideweg: Nur die Elite darf Hengst bleiben, der Rest wird kastriert und führt fortan das ruhigere Leben eines Wallachs. Was die Kastration angeht lassen sich geradezu paradoxe Einstellungen beobachten. Manch ein junger Hengst wird schon mit sechs Monaten gelegt, damit er nur ja brav bleibt und keine Hengstmanieren entwickelt, anderen wird diese Operation aus Mitleid erspart, ohne dass ihnen später ein artgerechtes, hengst-gerechtes Leben ermöglicht werden kann.

Es ist richtig, dass sich junge Hengste irgendwann in ihrem Verhalten ändern. Grundsätzlich sind sie vom frühen Frühjahr bis zum Sommerende insgesamt „hengstiger“, im Herbst und Winter ruhiger. Junghengste zeigen zwar von Geburt an ein geschlechtsspezifisches Verhalten, wachsen aber erst später völlig in ihre Rolle hinein. Plötzlich sind Stuten interessant, plötzlich ist der gute Kumpel von gestern ein ernstzunehmender Konkurrent um die Gunst der Damen. Mit den ersten warmen Tagen beginnt für unsere Pferde die natürliche Fortpflanzungssaison und damit sieht sich der heranwachsende Hengst mit neuen Herausforderungen konfrontiert.

Jetzt kann es auch in der Aufzuchtherde unruhig werden, jetzt müssen rechtzeitig die nun sozusagen voll im Saft stehenden Junghengste erkannt und kastriert werden. Eine Kastration mitten in der Fortpflanzungssaison verkraften die jungen Machos nur sehr schwer, selbst wenn sie noch nicht gedeckt haben. Das sehr zeitige Frühjahr oder der Herbst ist deshalb der beste Zeitpunkt für eine Kastration. Muss ein Hengst, aus welchem Grund auch immer, auf dem Höhepunkt der Fortpflanzungssaison kastriert werden, wird er in vielen Fällen seelisch (oh ja!) so stark darunter leiden, dass der Eingriff ihn über Wochen und Monate belastet, während eine zeitlich günstig gelegte Kastration meist nach wenigen Tagen vergessen ist.

Bei uns ist es nach wie vor üblich, alle nicht zur Fortpflanzung vorgesehenen Hengste zu kastrieren. Die wenigen Auserwählten werden einem speziellen Vaterschafts-Eignungstest unterzogen: Körung und Leistungsprüfung sollen sicherstellen, dass nur überdurchschnittliche Hengste zum Zuge kommen. Um die jungen Hengste auf diese Ereignisse vorzubereiten, werden sie oft schon Monate vorher isoliert aufgestallt und trainiert. Je früher mit dem Training begonnen wird, so glaubt man, desto eher lässt sich die Konkurrenz schlagen, die vielleicht weniger gut vorbereitet in die Prüfungen geht.

Das ist allerdings nicht der Sinn dieser Eignungstest; sie sollen lediglich die Veranlagung, die ererbten und vererbbaren Anlagen eines Hengstes kritisch beleuchten, nicht seine Ausbildung. Diese in vielen Rassen übliche Praxis führt dazu, dass Kindheit und Jugend der jungen Hengste drastisch verkürzt werden, was zu Lasten auch der sozialen Fähigkeiten geht.

Hat der junge Hengst Gnade vor den Augen der Körkommission gefunden, erhält er fortan die Lizenz zum Kinderkriegen. Für die Mehrzahl aller Deckhengste bedeutet dies: Sie dürfen in regelmäßigen Abständen ein nur entfernt an eine Stute erinnerndes Phantom beglücken, eine Tätigkeit, die mit echter Pferde-Liebe kaum mehr etwas gemein hat. Ein Prozess, der normalerweise aus vielen Verhaltenselementen - Werbung und Rückzug, Geruchskontrolle, Deckakt, andere soziale Kontakte - besteht und sich über Tage und Wochen erstreckt, der sehr viel mit Gefühlen zu tun hat, wird hier auf das rein Praktische reduziert.
 

Natur pur
Wer einmal einen Deckhengst in einer Stutenherde beobachten konnte wird ermessen, was dem Hengst entgeht. In seiner Herde wird er nicht einfach wild drauflos bespringen, was bei „drei“ nicht auf dem Baum ist; er wird sich nicht als Tyrann, als Super-Macho gebärden, der nur das Eine im Kopf hat. Würde er vielleicht gerne, aber das lassen die Stuten nicht zu. Wild wiehernd wird er im ersten Moment auf seine Damen zustürmen, mit großer Wahrscheinlichkeit aber von abwehrendem Quietschen, erhobenen Hinterbeinen oder gar richtigen Prügeln empfangen werden, wenn er sich nicht benimmt.

Die Stuten wollen, sie müssen sogar umworben werden. Untereinander konkurrieren sie um die Gunst ihres Hengstes, und diese Vielzahl an sozialen Beziehungen schafft ein Geflecht, in das alle Mitglieder der Herde eingebunden werden, das eine ständige, flexible Handlungsbereitschaft aller verlangt. Aufopferungsvoll wacht der Hengst über seine Stuten, die ja oft noch Fohlen bei Fuß haben, gönnt sich keine Ruhe, vergisst darüber oft sogar die Futteraufnahme. In diesem Umfeld kann der Hengst alle Verhaltensweisen ausleben, die ihm sein Geschlecht vorgibt, während er bei Absamung zwar durch seine sexuelle Aktivität voll zum Hengst-Sein erwacht, 99% der damit verbundenen Verhaltensweisen aber unterdrückt werden. Es entsteht unweigerlich ein Triebstau, der wohl zur Wurzel vieler zu Unrecht automatisch mit Hengsten verbundenen Verhaltensstörungen wird.

Reithengste sind in vieler Beziehung besser dran als Deckhengste, die nur zur Absamung herangezogen werden. Der fehlende Kontakt zu Stuten - echten oder künstlichen - sorgt dafür, dass sie sich zwar durchaus hengsttypisch verhalten, aber eben nicht voll erwachen. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, zu welchem Zweck der Reithengst seine Hoden spazieren trägt, und ob ihm sein Besitzer ein artgerechtes Leben ermöglichen kann. Der Wallach im Offenstall, in der Herde, daneben der Reithengst alleine in der Box, so sieht echte Liebe zum Pferde nicht aus.
 

Hengst und Mensch
Steigergebisse, Führketten, geballte Fäuste und reißende Zügelhände - im Umgang mit Hengsten ist ein erschreckendes Ausmaß an Gewalt zu beobachten. Nun bedürfen Hengste durchaus einer souveränen Führung, sind eher als Wallache und Stuten geneigt, den höheren Rang ihrer Bezugsperson in Frage zu stellen. Bei geklärten Rangverhältnissen sind sie aber überwiegend mit leichter Hand zu führen und äußerst bemüht, ihrer Bezugsperson zu gefallen. Ausbilder schätzen – artgerecht aufgezogene und gehaltene - Hengste sehr: Sie sind lernwilliger, kooperativer und oft insgesamt weicher als Stuten und Wallache.

Natürlich spielen auch persönliche Charaktermerkmale eine Rolle, aber im Durchschnitt sind Hengste dankbarere Schüler in der Ausbildung als ihre weiblichen oder kastrierten Artgenossen. Man muss sie allerdings auch Hengst sein lassen, muss sie wie Pferde behandeln, weder mit harter Hand knechten noch wegsperren. Im sozialen Umfeld der Herde und nur dort lernt der Hengst im Spannungsfeld von Dominanz und Subordination seinen Platz zu finden; nur, wenn ihm die Herde dies beigebracht hat, wird der Mensch ihm ebenfalls seinen Platz zuweisen können. Der Mensch kann es nicht alleine übernehmen, ein Pferd - ob Hengst oder nicht - sozial zu erziehen.

Wie sieht es also aus, das wahre Leben der Super-Machos? In menschlicher Obhut sorgt der Besitzer dafür, dass sein Schützling in erster Linie pferde-gerecht, in zweiter auch hengst-gerecht leben darf. Dazu gehört:

  • eine artgerechte Aufzucht ausschließlich im Herdenverbund, nicht alleine oder mit einzelnen Beistellpferden,
     
  • ein überlegte Entscheidung für oder gegen die Kastration, die das Wohl des Pferdes an oberste Stelle stellt (lieber ein glücklicher Wallach als ein unglücklicher Hengst),
     
  • ein nicht zu früher Beginn der Arbeit unter dem Sattel,
     
  • eine Aufstallung des erwachsenen Pferdes, die dem Hengst ein soziales Leben erlaubt: Mit einem befreundeten Hengst, einem gutmütigen Wallach, einer Altstute außerhalb der Decksaison, in der Deckherde während der Fortpflanzungszeit,
     
  • ein Umgang, der von Wissen, Erfahrung, Konsequenz und Zuneigung geprägt ist.

Wer einen Hengst als Super-Macho ansieht, wird ihn als Super-Macho behandeln und wird sich einen Super-Macho heranziehen. Auch mit den besten Absichten können Fehler gemacht werden, die oft folgenschwer sind. Ja, Hengste sind faszinierend mit ihrer Ausstrahlung, ihrer unbändigen Lebenslust, aber es sind keine mythischen Wesen, grundlegend anders als ihre kastrierten oder weiblichen Kollegen. Deshalb unterscheiden sich ihre Bedürfnisse in nichts von denen ihrer Artgenossen: Sie wollen in einer Gemeinschaft leben, sich frei bewegen dürfen, frische Luft und natürliches Sonnenlicht genießen. Nur wenn der Hengsthalter dies ermöglicht, ist er auch ein Hengst-Freund.

 

Literaturempfehlung:

Umgang mit Hengsten
Faszination oder Risiko?

Von Hengsten geht eine Faszination aus, die kaum in Worte zu fassen ist. Der Hengst ist in erster Linie ein Mythos. Früher hatten Hengste in Reitbetrieben nichts zu suchen - sie dienten der Zucht. Die steigende Popularität der Barockpferde und Spezialrassen hat auch das Interesse an der Hengstreiterei beflügelt.

Die Haltung und Erziehung von Hengsten ist daher ein besonderes Thema geworden, da die Vorurteile hier besonders hoch sind. Die Autorin beschreibt alle Facetten des Umgangs mit Hengsten, gibt Ratschläge zur Erziehung und Haltung sowie zur Zucht.

Mehr Informationen finden Sie hier.

Das Buch ist im Cadmos Verlag erschienen.

Es kostet Euro 10,95. ISBN 978-3-86127-501-5.


















 

 



Kaltblüter

Kaltblüter verköpern Kraft und Ruhe 

Dicke Freunde
Fritzi und Pascha, Remo und Rasputin, Natascha und Nina haben eines gemeinsam: Es sind Kaltblutpferde. Kaltblutpferde? Das sind doch die dicken, gemütlichen, zuverlässigen, nichts-krumm-nehmenden, eher lahm...schigen Kollegen der „richtigen“ Reitpferde, oder? So eine Art Einsteigerpferd in XXL? Auf und mit denen man ruhig mal herumprobieren kann, für die es weniger Sachkenntnis braucht als für Warmblüter, Vollblüter und Ponies? Eben weil sie so gemütlich sind? Durch nichts aus der Ruhe zu bringen? So oder so ähnlich sieht sie aus, die verbreitete Meinung zu Schwarzwälder Füchsen und Ardennern, Comtois und Norikern. Doch wie sind sie wirklich, unsere dicken Freunde?
 

Rettung vor dem „Aus“
Wer die jüngste Geschichte unserer Kaltblutpferde verfolgt, wird sich über das neu erwachte Interesse an ihnen freuen. Während man noch vor wenigen Jahren um das langfristige Überleben vieler Rassen bangen mußte, sehen Gegenwart und Zukunft jetzt beinahe rosig aus. Die Zahl der eingetragenen Zuchtstuten, der gekörten Hengste, der Bedeckungen hat sich auf hohem Niveau stabil eingependelt, die Nachfrage nach gerittenen und gefahrenen Kaltblütern ist langsam, aber sicher gestiegen.

Noch vor wenigen Jahren waren Kaltblüter eine Art „Nischenprodukt“ für wenige, überzeugte Anhänger, jetzt interessieren sich immer mehr Pferdefreunde für sie. Eine erfreuliche Entwicklung, denn es wäre doch schade gewesen, wenn die freundlichen Arbeitskollegen und Freizeitpartner auf Nimmerwiedersehen von der reitsportlichen Bildfläche verwunden wären!

Was aber macht Kaltblüter aktuell so attraktiv? Es sind wohl mehrere Faktoren, die für das neu erwachte Interesse verantwortlich sind:

  • Da ist zum einen der Nostalgie-Faktor. Kaltblüter erinnern uns an die (vermeintlich) Gute Alte Zeit, eine Zeit, die bestimmt war vom Rhythmus der Natur.
     
  • Dann wäre da noch der Öko-Faktor. Der Einsatz von Kaltblutpferden in der Land- und Forstwirtschaft bringt ganz handfeste Vorteile sowohl in Sachen Umweltschutz als auch für die beteiligten zweibeinigen Kollegen.
     
  • Eine ganz große Rolle spielt natürlich der Charme-Faktor. Kaltblüter, die haben einfach das gewisse Etwas, so eine ganz besondere, faszinierende Ausstrahlung, die sich zwar sehr deutlich wahrnehmen, aber eben nie richtig beschreiben oder gar deuten läßt. Naja, und besagtem Charme erliegt man eben, und dann spielen kühle intellektuelle Überlegungen gar keine Rolle mehr.
     
  • Es soll nicht verschwiegen werden: Der Exoten-Faktor mag mit dafür verantwortlich sein, dass der Pferdefreund zum Kaltblutfreund wird. Kaltblüter, die hat eben nicht jeder, Kaltblüter sind etwas Besonderes, vor Kaltblüter stehen Klein und Groß mit leuchtenden Augen und klopfendem Herzen. Da wir alle mit unserem Sport auch ein Stück Selbstverwirklichung betreiben und nie zufällig Rasse, Reitweise oder reitsportliche Disziplin auswählen, dürfen wir auch diesen Aspekt nicht außer Acht lassen.
     
  • Und schließlich: Der Sicherheits-Faktor! Ja, es stimmt, richtig erzogen und sachgerecht ausgebildet überzeugen unsere Kaltblüter durch ihre Ruhe, ihre gemütliche Selbstsicherheit. Beständigkeit und Zuverlässigkeit zeichnen sie aus und machen sie zum idealen Begleiter für all jene, für die eben diese Eigenschaften ihrer Pferde im Vordergrund stehen.
     

Kehrseite der Medaille
Wir kennen dies von vielen Pferderassen: Sie gelten als mit besonderen Anlagen ausgestattet und dies wird oft fälschlich so interpretiert, dass eben jene Begabungen dem Reiter die Arbeit der Erziehung, Ausbildung, Konditionierung abnehmen. Der Tölter töltet quasi von alleine und dies endlos, der Andalusier piaffiert und passagiert schon im Mutterleib, der Holsteiner springt sowieso alles und das Quarter Horse kann gar nicht anders als per sliding stop von Hundert auf Null abzubremsen.

Und unsere Kaltblüter, die sind eben brav, immer, und von robustem Wesen. Man sieht ihnen ja auch auf einen Blick an, dass sie so leicht nichts umwirft, da braucht man auch nicht so zimperlich mit ihnen umzugehen. Ebenso wie obengenannte Beispiele ist auch diese Einschätzung ein, wenn auch positives, Vorurteil und führt letztlich dazu, dass unsere Kaltblüter vielfach Opfer ihres eigenen, guten Rufs werden:

  • Kaltblüter sind ruhig, brauchen nicht viel Bewegung. Da macht es ihnen doch sicher nichts aus, alleine in der Box zu stehen, oder? Und trainieren muß man sie auch nicht, sie sind sicher froh, wenn sie nur am Wochenende mal gemütlich für ein paar Stunden geritten oder gefahren werden. Oder an jedem zweiten Wochenende.
     
  • Kaltblüter sind robust, keine vierbeinigen Sensibelchen. Macht der Reiter Fehler, nehmen sie es nicht so schnell krumm. Da ist Reitunterricht doch eigentlich überflüssig, oder? Wäre ja auch zu anstrengend für die Dicken, die sind immer so schnell aus der Puste.
     
  • Kaltblüter sind brav, schon von Natur aus.

Und so besonders schlau sind sie sicher nicht, sieht man ihnen doch eigentlich gleich an. Eben drum kann man auf eine sorgfältige Erziehung doch eigentlich verzichten, oder? Zugegeben, das ist schon ein wenig überspitzt formuliert, aber wir alle kennen die Zweischneidigkeit auch wohlmeinender Pauschalurteile zur zu gut. Und schließlich stimmt es ja auch: Kaltblüter sind eben besonders zuverlässig und cool, doch darf diese Gutmütigkeit und sprichwörtliche Kaltblütigkeit nicht fehl interpretiert werden.


Wie sind sie wirklich?
Kaltblutpferde sind ruhig. Stimmt. Sie wurden und werden vorwiegend als Arbeitspferde gezüchtet und genutzt und dies hat sich, wie sollte es auch anders sein, auf die Art und Weise ihrer bevorzugten Fortbewegungsart niedergeschlagen. Kaltblutpferde werden auch als Schrittpferde bezeichnet, sie verrichten ihre Arbeit - den schweren Zug - eben vorwiegend im Schritt. Natürlich können sie traben und galoppieren wie andere Pferde auch, nur eben weit weniger ausdauernd. Sie schleppen eben Einiges an Gewicht mit sich herum, besonders, wenn es der Besitzer allzu gut mit ihnen meint und zuviel füttert. 800 bis 1000 Kilo in Gang zu setzen kostet Kraft, je schneller es gehen soll, desto anstrengender wird es. Das angeborene Bedürfnis nach freier Bewegung über Stunden ist bei Kaltblutpferden allerdings ebenso angelegt wie bei allen anderen Pferden. Damit gilt auch für sie: Sie wollen im Offenstall untergebracht, regelmäßig bewegt und möglichst häufig auf die Weide gebracht werden.

Kaltblutpferde sind, na sagen wir, nicht die Schlausten. Stimmt nicht. Kaltblutpferde sind mindestens ebenso gelehrig wie ihre warmblütigen oder Pony-Kollegen, das beweisen die zahlreichen pfiffigen Arbeitspferde, die nicht nur schwere, sondern auch schwierige Aufgaben verrichten. Wer etwa einmal einem Rückegespann bei der Arbeit im Wald zugesehen hat, wird den Hut vor jedem Kaltblutpferd ziehen. Kann es sein, dass wir Menschen eigene Vorurteile einfach auf unsere Pferde übertragen? Denn auch unter Zweibeinern gilt oft als gemütlich, aber eben eher dämlich, wer ein paar Pfunde mehr auf die Waage bringt. Oder?

Kaltblutpferde sind gutmütig. Stimmt. Ihr ruhiges Wesen, gepaart mit ihrer besonders zugänglichen, menschenfreundlichen Art macht sie wenig anfällig für schwierige Charaktereigenschaften wie Nervosität oder Übersensibilität. Sie reagieren weniger schreckhaft, weniger empfindlich, weniger reizbar als viele ihrer Kollegen. Aber: Sie haben das Gedächtnis eines Elefanten und vertragen ungerechte Behandlung oder unsachgemäßen Umgang ebensowenig wie alle Pferde. Und haben selbstverständlich denselben Anspruch auf einen artgerechte Haltung, auf sorgfältiges Reiten und Fahren wie der schickste Araber, der teuerste Andalusier, der begabteste Tölter.

Kaltblutpferde sind robust. Stimmt so pauschal nicht, da muß der Kaltlbutpfreund differenzieren. Kaltblutpferde sind zwar keine typischen Robustpferde, allerdings durchaus robust im Sinne einer artgerechten Gruppenauslaufhaltung zu halten. Sie sind untereinander meist gut verträglich und bei Kälte und Wind wenig empfindlich. Allerdings sind sie nicht in jeder Hinsicht wirklich hart im Nemhne: Sie vertragen insbesondere schwülwarmes Wetter nicht gut und reagieren mit Kreislaufproblemen, verlangt man bei ungünstiger Wetterlage Höchstleistungen, insbesondere bei mangelndem Training.

Nässe und Schmutz führen bei Kaltblutpferden überdurchschnittlich häufig zu Mauke, nach statistischen Erhebungen leiden bis zu 70% aller Kaltblüter unter dieser Erkrankung der Fesselbeuge. Hinzu kommt, dass sich die Mauke besonders bei Kaltblütern gerne das Bein entlang nach oben ausbreitet und zur Raspe wird, also weitaus größere Hautbereiche erfaßt als bei „normalen“ Pferden. Die Hufe sind eine weitere Problemzone der Kaltblutpferde, sie neigen zu Tellerhufen mit schwachem Horn. Und noch eine Schwachstelle: Die Körperfülle. Wenig gearbeitete und zu gut gefütterte Pferde sehen wir unter den Kaltblütern besonders häufig.
 

Dicke Freunde?
Für unsere Kaltblutpferde gilt: Jedes überflüssige Pfund wiegt doppelt, das hat nichts mit einem falschen Verständnis von Gesundheit und Schönheit zu tun. Ihre Beine und Hufe müssen viel aushalten, Herz und Kreislauf schon im „Normalbetrieb“ Großes leisten. Übergewicht und mangelnde Bewegung gehen oft Hand in Hand und setzen unseren dicken Freunden arg zu. Werden sie nicht regelmäßig - also mindestens jeden zweiten Tag - gearbeitet, ist der Körper nicht auf Leistung vorbereitet und folglich auch nicht in der Lage, diese ohne Schaden zu erbringen. Darin unterscheiden sich Kaltblüter allerdings nicht von anderen Pferden, die vermeintlich typische Körperfülle allerdings kompliziert die Lage häufig noch.

Kaltblüter müssen schwer sein, müssen massig wirken, so glaubt man und verkennt dabei, dass die gewaltige Körpermasse aus Muskeln und nicht aus Fett aufgebaut werden sollte. Übergewicht wird also oft bewußt angefüttert und durch mangelnde Bewegung (siehe oben: „Kaltblüter sind ruhig, die brauchen nicht so viel Bewegung!“) zusätzlich kompliziert. Sehen Sie also genau hin: Schwellen bei Ihrem Kaltblüter Muskelberge oder schwabbelt Fett? Wenn die Pölsterchen verdächtig an einen Wackelpudding erinnern, wird es Zeit für eine Rationsoptimierung und eine Umstellung des Trainingsplans. Mehr Bewegung, auch ohne Reiter (Weidegang, Offenstall) baut Fett ab und Muskeln auf. Bleibt der Kaltblüter allerdings langfristig dick, gibt es Probleme:

  • Mit dem Herz-Kreislaufsystem, dass einfach zuviel Masse zu versorgen hat und dadurch ständig überlastet wird. Kommen zusätzliche Streßfaktoren wie schwülwarmes Wetter, ein Stallwechsel oder hohe Leistung hinzu, kann dies zum Kollaps führen.
     
  • Mit den Gliedmaßen, die auf einem relativ kleinen Querschnitt jede Menge Gewicht tragen müssen. Wenn das Körpergewicht zunimmt, nimmt automatisch auch die Belastung der tragenden Strukturen zu (also das Gewicht, das pro Quadratzentimeter auf dem Querschnitt eines Beines lastet). Langfristig werden damit Knochen, Gelenke und Sehnen so überlastet, dass es zu Abnutzungserscheinungen kommt.
     
  • Mit den Hufen, die vom großen Gewicht regelrecht breit gequetscht werden können. Die schlechte Hufform und Hufqualität vieler Kaltblüter ist nur zum Teil veranlagungsbedingt, zum Teil eben auch hausgemacht.

Kaltblüter sind meist leichtfuttrig, kommen also oft mit weniger Futter - insbesondere Kraftfutter - aus als Warmblüter oder Vollblüter. Sicherheit gibt allerdings nur eine korrekte Rationsberechnung, die nicht nur das Pferd vor Fütterungsfehlern, sondern auch den Besitzer vor unnötigen Geldausgaben schützt.
 

Kein Pferd wie alle anderen
Ruhig, aber nicht schlafmützig, schwer, aber bitte nicht dick, robust, aber in mancher Hinsicht durchaus empfindlich - Kaltblüter wollen mit all ihren typischen Eigenheiten anerkannt, wollen mit Sachkenntnis gehalten, geritten, gefahren und gepflegt werden. Wie aber erwirbt sich der Kaltblutfreund dieses Wissen, die notwendige Erfahrung, wie setzt er dies um? Kenntnisse rund um Haltung, Fütterung und Pflege vermitteln Fachbücher, Sachkundelehrgänge und praktische Erfahrungen, auch mit anderen Pferderassen. Vor wenigen Jahren noch war es nicht einfach, für gerittene Kaltblüter die passende Ausrüstung zu bekommen, während die Fahrer von Kaltblutgespannen es einfacher hatten.

Inzwischen sind die gängigen Ausrüstungsgegenstände fürs Reiten durchaus auch in Übergrößen zu bekommen. Schaubilder, auf denen Kaltblüter unter dem Sattel mit Fahrgebissen vorgestellt werden, sollten deshalb der Vergangenheit angehören. Ähnlich sieht es bei Unterricht und Lehrgängen aus: Alles, was nicht ins ureigenste Arbeitsgebiet der Kaltblüter fällt (Rückearbeit, Fahren), ist nach wie vor Mangelware. Kaltblüter im „normalen“ Reitunterricht, bei „normalen“ Reitlehrgängen werden nicht immer voll akzeptiert, werden belächelt, als Pferde zweiter Klasse, als wenig förderungswürdig angesehen.

Informationen zu Fortbildungsveranstaltungen rund ums Kaltblut geben vor allem die vielen Interessengemeinschaften. Fachbücher hält der Pferdesportversandhandel bereit und Auskünfte über Zuchtpferde erteilen die Zuchtverbände. Bleibt dem frisch gebackenen Kaltblutpferdefreund nur, sich zu informieren über seine neuen, dicken Freunde, sie mit all ihren liebenswürdigen Eigenschaften für sich zu entdecken.

 

Literaturempfehlung:

Kaltblutpferde

Unter all den vielen Pferden haben Kaltblüter eine ganz eigene Stellung inne: Sie faszinieren wie keine andere Rasse mit ihrer ganz besonderen Mischung aus Stärke und Schönheit, begeistern durch ihre Leistungsfähigkeit und Intelligenz, gewinnen unsere Herzen mit Zuverlässigkeit und Zugewandtheit.
 
Kaltblüter sind auch Sinnbilder für Umweltbewusstsein, nachhaltiges Wirtschaften, echte Verbundenheit mit der uns umgebenden Natur, dabei aber durchaus leicht begreifbar, überaus irdisch, äußerst präsent und handfest. Immer mehr Reiter, Fahrer und Züchter haben ihr Herz an die »Dicken« verloren und finden in diesem Buch nützliche und interessante Informationen, illustriert mit faszinierenden fotografischen Eindrücken aus dem Leben der Kaltblüter und ihrer Halter.

Mehr Informationen finden Sie hier.

Das Buch ist im Müller Rüschlikon Verlag erschienen.

Es kostet Euro 29,90. ISBN 978-3-275-01699-0.


















 

 

 



Behandlung mit Schüsslersalzen

Autorin: Claudia Bergmann-Scholvien
 

Für den Menschen ist die Schüßlersalztherapie mittlerweile auch medial immer mehr in den Mittelpunkt gerückt und wird von einer Vielzahl von begeisterten Anhängern der biochemischen Salze angewendet. Langjährige Erfahrungen im Einsatz bei Tieren, insbesondere bei Pferden, zeigen auch hier eine große Palette von Einsatzmöglichkeiten, sowohl auf physischer wie psychischer Ebene. Ganz besonders interessant sind hierbei meine Beobachtungen, dass der Einsatz der Schüßlersalze gleichzeitig für den Reiter und sein Pferd , individuell abgestimmt,  eine besonders positive Wirkung zeigt. Eine harmonische Zusammenarbeit beider Individuen ist anhängig von der mentalen, emotionalen und körperlichen Stabilität  und Balance von Mensch und Tier. Gerade hier kann eine Schüßlersalztherapie wunderbare Dienste leisten.
 

Was sind nun Schüßlersalze?
Dr. Schüßler, der sich schon  vor über 100 Jahren als niedergelassener Arzt in Oldenburg intensiv mit der Homöopathie beschäftigte , stellte durch verschiedenste Untersuchungen fest, dass der Gesundheitszustand abhängig ist von bestimmten, natürlich  im Körper vorhanden Mineralsalzverbindungen. Fehlten ganz bestimmte biochemische Salze im Organismus, konnte er bestimmte Disharmonien und Erkrankungen beobachten. Dr. Schüßler fand 12 biochemische Salzeverbindungen heraus, die in einem gesunden Organismus immer vorhanden sein sollten.

Um diese Mineralsalze in jede Zelle bringen zu können, wenn Defizite bestehen und damit eine Entstehung von Krankheiten Vorschub geleistet wird, hat er die Salze in eine homöopathische Verdünnung versetzt. Bis heute sind die 12 Originalsalze von Dr. Schüßler in bestimmten homöopathischen Verdünnungen bekannt. Weitere 12 Salze wurden nach seinem Tod als Ergänzungssalze hinzugefügt. Für den Laien sind aber die 12 Original Schüßlersalze für eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten empfehlenswert und ausreichend.
 

Was bewirken die Schüßlersalze?
Schüßlersalze sind Funktionsmittel, das heißt, der Körper benötigt diese Salze in ausreichender Menge für den komplizierten, jedoch störanfälligen  Zellstoffwechsel .
Im Organismus sind so genannte Speicherorte vorhanden, die bei einem Mehrbedarf z.B. durch physischen oder psychischen Stress, angezapft werden können. Sind die Speicherote allerdings leer, zeigen sich jetzt Mangelerscheinungen und Symptome. Diese Mangelerscheinungen und Symptome hat Dr. Schüßler im Laufe seiner Tätigkeit sorgfältig zusammengetragen und für jedes einzelne seiner 12 Salz als spezifische Leitsymptome zusammengestellt, die bis heute Gültigkeit haben.
 

Wie wirken die Schüßlersalze bei Pferden?
Meine jahrzehntelange, praktische Erfahrung mit den Schüßlersalzen hat gezeigt, dass hierbei, wie bei Menschen auch , bestimmte Mangelerscheinungen und Symptome auftreten, wenn  biochemische Salze fehlen. Die Leitsymptome sind erstmalig von mir  sorgfältig und nach bestem Wissen und Gewissen sowohl für physische Probleme, als für den Einsatz psychischer Disharmonien differenziert ausgearbeitet , beschrieben und in Büchern veröffentlicht worden (siehe unten).
 

Was ist der Unterschied zwischen Schüßlersalztherapie und Homöopathie?
Homöopathie arbeitet nach dem Gleichheitsprinzip, um eun homöopathischen Mittel bestimmen zu können. Bei dem homöopathischen Mittel kann es sich auch um körperfremde Stoffe, um Giftstoffe oder Stoffe aus dem Pflanzen –und Tierreich handeln. Die Symptome einer momentanen Erkrankungen wird mit den Symptomen einer Überdosierung des Urstoffes verglichen . Dieser Abgleich der Ähnlichkeiten führt zu dem einzusetzenden homöopathischen Mittel , dessen Verdünnungspotenz und der Verabreichungsmenge.

Bei der Schüßlersalztherapie handelt es sich immer um Mineralsalzverbindungen, die im Organismus natürlich vorhanden sein müssen und bei entsprechendem Defizit verabreicht werden sollen.. Diese werden dann nur zur besseren Aufnahme in eine homöopathische Verdünnung verbracht. Die Dosierung ist im Gegensatz zur Homöopathie eine völlig andere. Schüßlersalze müssen aufgefüllt werden und  sind daher meist häufiger und in höherer Dosierung zu verabreichen
 

Wie werden die Schüßlersalze für Pferde verabreicht?
Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass die Salze niemals über das Futter oder mit Hilfe von Leckerchen verabreicht werden sollten. Die Aufnahme der Salze sollte nur direkt über die Mundschleimhaut  des Pferdes erfolgen. Die Wirkung ist also nur bei purer , unbelasteter Gabe der Salze garantiert! Im Handel befinden sich Tabletten, Tropfen, wie auch Globuli. Alle Salze für Mensch und Tier müssen nach dem deutschen Arzneimittelgesetz hergestellt werden und sind daher nur über die Apotheke oder Internetapotheken erhältlich. Außerdem wird auch nur hierbei der Qualitätsstandart garantiert , welcher für die Wirkung der Salze ausschlaggebend ist. Ich bevorzuge die Starfit-Globuli, weil diese komplikationslos, relativ einfach und wegen der Sondergröße recht leicht direkt verabreicht werden können. Einfach ins Maul des Pferdes geschoben und schon hat man die Sicherheit einer sinnvollen Vergabe der wertvollen Schüßlersalze.
 

Welche Salze sind für welche Probleme oder auch vorsorglich beim Pferd zu verabreichen?
Erfahrungsgemäß können bei Pferden die Schüßlersalze nebenwirkungsfrei und leicht sehr viele Unpässlichkeiten und Probleme positiv beeinflussen. Besonders interessant ist der Einsatz für den empfindlichen Bewegungsapparat des sportlich aktiven Pferdes. Auch im Alter, bei Fellwechsel oder bei allergischen Dispositionen, in der Aufzucht, Ausbildung bis ins hohe Alter  haben sich die individuell ausgemachten Schüßlersalze als segensreich erwiesen.

Auf meiner Internetseite www.tier-und-gesundheit.de  finden sich eine Vielzahl von Berichten unterschiedlichster Probleme und Tipps für den Einsatz der Schüßlersalze beim Pferd. Es würde den Rahmen sprengen nun jedes einzelne Salz in Eigenschaften, Wirkungsweisen und Einsatzgebiete zu behandeln. Dafür ist das Thema Schüßlersalze für Pferde zu umfangreich. Ich hoffe aber, dass  ich  die Neugierde geweckt habe sich mit den Salzen für Reiter und Pferd jetzt näher zu beschäftigen.

 

Literaturempfehlungen:

Natürlich gesund. Pferd, Reiter und Hund

Immer mehr Menschen vertrauen auf sanfte Heilweisen, die inzwischen auch bei der Behandlung von Tieren auf immer größeres Interesse stoßen. Heute wird mehr denn je eine Behandlung und Regulation mit alternativen Heilmethoden bevorzugt.

Der verantwortungsbewusste Umgang mit diesen Behandlungsmöglichkeiten bedarf jedoch einer intensiven Information über die einzelnen Therapieformen, deren Einsatzgebiete und die Möglichkeiten einer ganzheitlichen Heilweise.

In diesem Buch werden für den Reitsport die Themen Homöopathie, Schüßlersalztherapie, Pflanzenheilkunde, wie auch der Bachblüten-Einsatz und andere Heilverfahren praxisnah und kompakt dargestellt.

Das Buch ist im FN-Verlag erschienen.

Es kostet Euro 17,80. ISBN 978-3-88542-753-7.

 

Schüßler-Salze für Pferd und Reiter

Der Trend führt immer mehr zum Einsatz von Schüßler-Salzen bei Pferden, denn sie gelten als Alleskönner für die Gesundheit. Sie dienen der Vorbeugung oder Linderung sowohl körperlicher als auch psychischer Disharmonien oder aber bei akuten Beschwerden und Erkrankungen. Erhalten Pferd und Reiter die passenden Mineralsalze, können sie zu einem Paar avancieren, das die Harmonie des Reitens genießt.

Das Buch ist im Müller Rüschlikon Verlag erschienen.

Es kostet Euro 19,95. ISBN 978-3-275-01667-9.

 



Pferde in der "Kinder- und Jugendarbeit"

Autorin: Wibke Hartje
 

Ruhe und Konzentration mit Pferdestärke
Was fehlt den verhaltensauffälligen Jugendlichen und Kindern - warum kommen sie zu ihnen und ihren Pferden?“, wird Eva Ostermann gefragt, die einen Reitstall im Süden Deutschlands von ihren Eltern übernommen hat. Immer wieder setzt sie ihre Pferde auch beim heilpädagogischen Reiten ein. „Ihnen fehlt es an Konzentration und Ruhe“, antwortet sie. „Wie kann man das denn bitte verstehen?“, wird nachgefragt. Die resolute Pferdewirtschaftsmeisterin sagt bestimmt: „Die Kinder und Jugendlichen kommen einfach zu Hause nicht zur Ruhe. Dauernd müssen sie wohin und etwas lernen und machen. Die haben gar keine Zeit mehr zum Spielen. Da kann man sich natürlich auch nicht mehr konzentrieren“. 

Das kann man nachvollziehen. Denn um sich einer Sache zu widmen, ganz gleich, was das ist, braucht es ein ruhiges und druckfreies Umfeld. Das ist aber in der heutigen hektischen Zeit immer weniger gegeben. Zu Verhaltensänderungen, die den Menschen in seinem Sozialleben beeinflussen, kann es in Lebenskrisen kommen. Oftmals betreffen sie aber auch dort Kinder und Jugendliche, wo beide Elternteile arbeiten und dies vielleicht auch müssen, um den Unterhalt zu verdienen. Es bleibt dann wenig Zeit zum Spielen. Hinzu kommt, dass oft in der verbleibenden gemeinsamen Freizeit Videos, Fernsehsendungen und Computerspiele in den Mittelpunkt rücken. 

Die Geborgenheit und Wärme in der Kinder und Jugendliche dann Ruhe finden können und sozial Lernen, wie etwa beim „Mensch ärgere Dich nicht“ oder anderen Gesellschaftsspielen, bleibt fast gänzlich auf der Strecke. Die Folge können Verhaltensauffälligkeiten sein. In jungen Jahren kommen diese Störungen noch viel leichter an die Oberfläche. Sie äußern sich etwa in unsozialem Verhalten. Sozial bedeutet: gesellschaftlich. Wer sich sozial verhalten kann, ist beispielsweise in der Lage einen Bezug zu anderen Menschen herzustellen und das Wohl anderer im Auge zu behalten, fürsorglich zu sein, sich für einen anderen zu interessieren und auch anderen zu helfen, ohne nur an sich selbst zu denken. Unsozial bedeutet in diesem Sinne ohne einen anderen und unverbindlich. 

Und das ist ein weites Feld der Verhaltensmöglichkeiten. So zum Beispiel der blonde fünf Jahre alte Jochen im Kindergarten: „Du Votzkuh, das mache ich nicht“, brüllt er die Kindergärtnerin Christel an und tritt sie vors Schienbein, weil er grade keine Lust hat aufzuräumen mit den anderen Kindern zusammen. Die Kindergärtnerin ist wütend, aber beherrscht. Sie sagt mit ruhiger Stimme, dass er sich nun am besten hinsetzt. Aber Jochen will nicht. Er rennt hin und her, während Christel ihm folgt. Er macht mit ihr, was er will. Er schreit weiter herum, ruft Schimpfworte und kommt nicht zur Ruhe, kann gar nicht zuhören und schon gar nicht folgen. Die Erzieherin braucht sehr lange Geduld bis er sich endlich hinsetzt, aber uneinsichtig bleibt. Der Junge hat nur einfach keine Lust mehr zum Toben.

Es wird beschlossen ihn einmal aufs Pferd zu setzen. Das kann beim Jugendamt als  Kinder- und Jugendhilfe § 35 des KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz) auf Grundlage des achten Sozialgesetzbuches beantragt werden. Weitere Angebote sind auf Jugendfarmen zu finden. Dort werden mitunter Pferde gehalten mit denen Kinder unter Aufsicht umgehen können.

Jochen kommt begeistert mit. Neben ihm geht ein fünfjähriges Mädchen, dass auch mitreitet. Sie unterhalten sich. Er sagt: „Wenn das nicht gut geht, dann nehme ich die Peitsche und zeigs ihm“. Das Mädchen antwortet: „Das Pferd braucht gar keine Peitsche“, worauf der Junge lacht. Schon beim Pferd angekommen wird er viel stiller, ja, fast ehrfürchtig und tut auch alles, was ihm gesagt wird. Er hat Respekt vor dem großen Tier. 

Das ist ein Teil des therapeutischen Konzepts. Die Eigenschaften der Pferde machen die Wirkung in der Therapie aus. Im heilpädagogischen Bereich sind das vor allem im ersten Augenblick Merkmale wie die Größe, die Tragkraft, das Aussehen und die Körperwärme. Ein Kind wird ein Pferd nicht so schnell vor das Schienbein treten wie eine Erzieherin. Überdies kommt es nun zu einem ganz anderen Dialog, aufgrund der wichtigsten Eigenschaft des Pferdes für den heilpädagogischen Einsatz: 

Es ist die aus der Zuneigung zum Menschen folgende Beziehungsfähigkeit. Diese wiederum ist das Ergebnis des sozialen Miteinanders eines jeden Tieres innerhalb der Pferdeherde: Pferde sind Herdentiere. Innerhalb der Herde erlernen die Tiere wie sie Kontakt zu anderen Tieren herstellen, wo ihr derzeitiger Platz ist, entsprechend dem momentanen Rang und auch wie soziales Verhalten funktioniert, damit die Herde möglichst geschützt ist. In diesen Grenzen erfährt dann das Einzeltier auch die größtmögliche Geborgenheit.

Diese Eigenschaften sind von Jochen in seiner aktuellen Situation weit weg. Aber er sehnt sich nach Geborgenheit und Aufmerksamkeit wie alle Menschen. Wenn er nun dem Pferd schon einmal so offen gegenüber treten kann, es anfassen kann, sich auf das Tier einlassen kann, dann ist er auch offen für die Umgangs-, Beziehungs- und Verhaltensstrukturen die das Pferd mitbringt. Hier kann er nun beobachten, erfahren und lernen wie die Reaktionen des Pferdes auf ihn sind. Und er bemüht sich, denn er will ja auf dem Pferd reiten. Er holt die Putzsachen und sieht zu, was alles getan wird, was gebraucht wird, um mit dem Pferd einen Ausflug zu machen.

Dieses Beobachten und selbst mithelfen stärkt das Verantwortungsbewusstsein. Er ist es nun, der sich um ein anderes Wesen bemüht und es ist nicht umgekehrt. Das Pferd fordert ihn auf und Jochen folgt der Aufforderung so gut er es kann. Wenn ein Strohhalm hängen bleibt, nimmt ihm das Pferd dies auch nicht übel. Er erhält Kenntnisse über die Bedürfnisse eines anderen Lebewesens und kommt ihnen nach. Und er kann es. Er kann dem Pferd eine Mohrrübe hinhalten, die es frisst. Das tut seinem Selbstvertrauen gut und er lächelt und freut sich: „Der hat das aus meiner Hand genommen“, sagt er.

Als die Norwegerstute gesattelt und aufgezäumt ist, geht es los. Das Pferd wird nach oben geführt und die beiden Kinder dürfen aufsitzen. Das Mädchen ist das schon gewohnt. Sie müssen den Platz auf dem Pferd oben teilen. Beide sind dazu bereit, weil das Reiten für sie so wichtig ist. So kommt es nun auch zu einer sozialen Annäherung mit körperlichem Kontakt auf der Ebene Mensch zu Mensch, ohne Streit. Auf dem Ausritt wird gar nicht gesprochen. Nur die Plätze werden ein Mal getauscht. Dann darf auch Jochen vorne sitzen. Sein Blick ist vollkommen verändert. Er sieht glücklich aus. Nichts mehr an ihm ist aggressiv. Er schreit nicht laut, er lacht nicht laut - er ist einfach perfekt zufrieden als er da so durch die grüne Landschaft getragen wird. Er wird ruhig und konzentriert. Und das ist genau das, was ihm fehlt. Ihm kann das Pferd also weiter helfen, weil auch er offen für den Einfluss des Pferds ist.

So ist das bei sehr vielen Kindern und Jugendlichen in unzählbaren schwierigen Lebenssituationen. Pferde können mittragen, tragen, vermitteln, trösten, aufmerksam sein, konsequent sein, kritisch sein - vieles, was ein Mensch auch ist, sein.

Trotzdem bleiben sie Pferde. Aber sie können einen Weg zu anderen Menschen bahnen, erleichtern und möglich machen.